VAGUE.



NY Magazine > Vogue Staffers Told to Ride the Subway

Link | 14. Januar 2010 | no comments | Druck
... comment  


Δ

Lesen, Schreiben [1]


1 Walt Whitmans Leaves of Grass mit Stanza auf das Iphone geholt. Man kann es lesen. Aber nicht sehr lange. Dann nervt es. Nicht die Leaves of Grass, auch nicht das Iphone. Aber die Deppen, die einen glauben lassen wollen, man könne E-Bücher ja auch mal auf einem Mobiltelefonschirm lesen. Vielleicht haben sie an Pixie-Bücher gedacht. Oder an die executive summary von Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Ein Mann kann nicht einschlafen. Na siehste, geht doch.


2 Walt Whitmans Grasblätter gelesen, die von Jürgen Brȏcan besorgte erste vollständige deutsche Übersetzung der deathbed edition. Der Hanser Verlag hat sie herausgebracht, 861 Seiten Dünndruckpapier, das Inhaltsverzeichnis nicht mitgerechnet. Mit Lesebändchen, Anmerkungen, Varianten, Nachweisen, Erläuterungen und Auskünften zur Übersetzung. Kann man gut lesen. Ist gut gesetzt. Was nicht mehr bedeutet als: Der Satz fällt einem nicht auf.


3 Im vergangenen Jahr immer wieder den Versuch unternommen, E-Bücher zu lesen. Auf dem Iphone, auf dem Laptop, auf einem E-Book-Lesegerät, das ich mir ausgeliehen habe. Na ja.


4 Ganz sicher wird man irgendwann einmal E-Texte typografisch besser behandeln als jetzt. Das glaube ich den E-Bücher-Leuten sogar. Vielleicht versuche ich es dann ja wieder. Jetzt habe ich keine Lust mehr, mir Geräte und Waren schöner zu reden, als sie sind, indem ich ihnen Potential konzediere. Das hat mich an den Digital-Hanseln immer schon genervt: Ständig behecheln sie einen mit ihren Überzeugungen, was in den Dingen stecken könnte, irgendwann einmal, irgendwann werden sie es schon schaffen, sobald sie alle unsere Bug Reports ausgewertet haben. Was soll eigentlich so schwer daran sein, Text gut zu setzen? Das haben die Hinterwäldler von der Papierfront schon vor 200 Jahren geschafft.


5 Für wen sollen E-Buch-Lesegeräte eigentlich gut sein? Am ehesten wohl für Leute wie mich. Die 200 Bücher im Jahr lesen oder noch mehr. Eine ziemlich kleine Minderheit, die meisten Leute lesen ja, wenn es hochkommt, zehn oder zwanzig Bücher im Jahr. Dafür braucht man sich kein Lesegerät anzuschaffen. Und falls doch, nur ein einziges Mal im Leben. Man bekäme alles drauf, was man sich so im Leben zusammenliest, und könnte sich zusammen mit seiner Kindle-Bibliothek voller Nick Hornbys begraben lassen. Aber kann es im Sinne der Hersteller sein, dass ein Normalkonsument mit einem einzigen ihrer Kästen ein Leben lang bestens bedient wäre und sich also nie wieder ein neues, verbessertes Teil kaufen muss? Wahrscheinlich werden sie Sollbruchstellen einbauen. Oder noch öfter erzählen, dass man auf einem E-Buch-Lesegerät ständig seine ganzen Bücher rumschleppen kann, bis die Leute an einem Badenachmittag vergessen, dass Kindles sich mit Sand nicht so dolle vertragen. Dann werden sie die Version 5 schon kaufen.


6 Das ist es, womit man Menschen wie mir, die viele Bücher lesen und so viele Bücher besitzen, dass sie jeden Umzug verfluchen, immer wieder mal die E-Reader andrehen will: Wir könnten, sagt man uns, ganze Bibliotheken in ihnen unterbringen und hinterher in die Jackentasche stecken. Na toll. Soll ich jetzt alle meine Bücher noch einmal kaufen? Oder einscannen und auf den E-Reader laden? Oder sie mir aus einer Filesharing-Site saugen? Vielleicht stehe ich einfach auf, gehe zum Bücherregal, ziehe das Buch raus und beginne in ihm zu lesen. Aber vielleicht raffe ich es mal wieder nicht.


7 Oder man könnte mit 20 Büchern in den Urlaub fahren. Oder ständig seine Handbibliothek dabei haben. Oder immer genau das zum Lesen finden, wonach einem gerade der Sinn steht. Ja, klar. Das sind exakt die Bedürfnisse, die Leute haben. Habt ihr toll erkannt.


8 Leseproben lesen. Erste Kapitel lesen. Reinblättern ins Buch. Die Pröbchenisierung des Lesens, ich pack Ihnen da noch was ein für ihre fettige Haut.


9 Das muss mir jetzt keiner in die Kommentare schreiben, das habe ich selbst schon hundertzwölftausend Mal gelesen: Es wird E-Bücher geben, in denen man dann Videos gucken kann. Oder der Autor einem die Hörbuchversion vorliest. Oder als Bonus ein Making-Of mitgeliefert wird. Und und und. Multimedialer Content, noch und nöcher. Echt super. Vielleicht solltet ihr gleich aus allem ein Playstation-Spiel machen. Oder etwas mit 3 D. Dann muss man auch die Brille dazukaufen.


10 Warum einem so viele (schreibende) Journalisten immer wieder erzählen, dass Multimedialität so klasse ist, habe ich nie verstanden. Und warum kommt eigentlich nie im Kino jemand auf die Idee, nach zwanzig Minuten ein paar Seiten Text auszuteilen, die man sich reinziehen muss, ehe der Film weitergeht? Oder im Berghain jemand auf den Einfall, den Flow mit ein paar Internetseiten anzureichern? Das wäre doch auch multimedial. Aber es fällt ihnen immer nur bei Text ein, dass man mit Multimedialität weiterkäme als ohne.


11 Außerdem nervt es, dass die Geräte, auf denen man E-Books lesen kann, immer diesen blöden Geräte-Rand haben. Ich mag doch kein Gerät ansehen müssen, wenn ich etwas lesen will.


12 Außerdem nervt es, dass die Texte immer hinter Glas liegen.


13 Außerdem nervt es, dass ich in E-Texten keine Anmerkungen machen kann. Oder unterstreichen. Jaja, es gibt Simulationen. Aber die taugen nichts. In fünfzehn Jahren werden sie sicher so weit sein. Dann gucke ich mir das noch einmal an, versprochen.


14 Lauter total verstockte Hinterwäldlereinwände, ich weiß das schon.


15 Am Verrücktesten, denke ich manchmal, sind die E-Buch-Freunde, die immer so supercheckermäßig lächeln, sobald jemand "Haptik" sagt. Wie peinlich, dass jemand eine Immaterialität anfassen will! Ich denke mir dann immer, sollen sie doch mit einem Turingtest vögeln.


16 Der Unterschied zwischen dem Iphone-Walt-Whitman und dem Hanser-Walt-Whitman: 39,90 Euro. Eigentlich verrückt, wieviel man heutzutage noch für 39,90 Euro bekommen kann. 861 Seiten Whitman, makellose Übersetzung, hervorragende Editionsarbeit, freundlicher Kommentar, gute Typographie, guter Druck, gute Buchbindearbeit, eine perfekte Benutzeroberfläche. Wie lange Brȏcan daran gesessen haben muss! Wie mutig das ist von Michael Krüger! Wie lange man etwas von diesen 39,90 Euro haben kann! Wie viel länger als von einem Kindle man etwas von diesen 39,90 hat! Das gibt man für einmal zu zweit schnell essen aus, in einem der billigeren Thailäden hier ums Eck. Und dennoch wird das Papierbuch verrecken. Weil es irgendwann verrecken muss. Weil die Papierbuchläden verrecken werden. Und die Papierbuchleser verrecken werden. Und die Kindles und Tablets nichts mehr kosten werden, wenn man sie zusammen mit einem Zweijahresabo SpiegelBildBrigitteohneModels kauft. Weil man sich aus dem Netz die alten Übersetzungen der Leaves of Grass ziehen kann, für lau, oder ein paar Lesepröbchen. Weil die Grasblätter nicht multimedial sind, obwohl in ihnen mehr passiert als auf ganz YouTube, aber so ein Multimedial-Anhänger will sich ja nichts vorstellen müssen, Interpassivität, wenn das eine Multimedialmaschine für ihn tun kann.


17 Neulich habe ich in einem Artikel der NZZ eine fürchterliche Diatribe gegen die Handschrift gelesen. Braucht keiner mehr, hieß es darin, ist bloß Qual, das zu erlernen, lästige Feinmotorikdressur. Und außerdem ist eine Handschrift nicht natürlich, so wie das Sehen und Hören. Superargument übrigens: Weil etwas nicht natürlich ist, kann man es auch lassen. Ich dachte sofort: du blöde Nuss. In Zukunft fressen die Spione Iphones, wenn sie bei der Gefangennahme Informationen verschwinden lassen wollen. Und die Schüler werfen bei der Klassenarbeit einander die Ipod-Touchs zum Spicken zu. Und in den Tatoo-Studios hält man den Steiß unter den Nadeldrucker. Und die Gefangenen setzen ihre Kassiber ins Internet ab. Und die Liebhaber klappen das Rückenkeyboard ihrer Geliebten auf, wenn sie ihr auf den Rücken schreiben wollen, wie verdammt heiß sie sie finden. Aber dann schrieb die Lady am Ende ihres Artikels, dass die wünschenswerte Abschaffung der Handschrift noch auf sich warten lassen werde, die sumerische Schrift hätte die Sumerer auch noch ziemlich lange überlebt. Puh, noch einmal davongekommen.


18 Natürlich geht es um den Preis bei dem ganzen E-Bücher-Gewese. Ein E-Buch muss nicht gedruckt, verschickt, in Lagern deponiert, durch die Gegend kutschiert werden. Das macht die Herstellung billiger. Für den Hersteller und für den Käufer. Nicht, dass der Hersteller beim E-Buch-Verkaufen seine Herstellungsersparnisse an den E-Buch-Käufer ungeschmälert weitergeben wird, ach nö, wirklich nicht. Ein bißchen Geld muss er für Amazon abdrücken. 50 Prozent des Ladenpreises, habe ich gelesen. Die Gerüchte sagen, dass es im Apple I-Buch-Laden, wenn das Tablet dann da ist, 30 Prozent des Ladenpreises sein werden, die der E-Buch-Verlag an Apple zu entrichten hat. Das muss man sich einmal vorstellen: 30 Prozent dafür, dass ein E-Buch-Laden ein paar MB Speicherplatz und einen Platz im Listing gibt und die Abrechnung übernimmt. Aber für den Leser ist es immer noch billiger. Außerdem wird er sich das Tablet ja holen, weil es ein Supergerät ist, und wenn man ein Supergerät hat, will man damit etwas anfangen können, deswegen wird er E-Books kaufen. Jede Menge. Fünfmal so viel wie vorher. Fünfzigmal so viel wie vorher. Und die hat er dann immer dabei. Was für ein irrer Distinktionsgewinn das ist!



19 "Some people will always want printed books, just as some people enjoy candles today. But we will eventually think of these as souvenirs."


20 Die Buchhändler werde ich vermissen. Ich vermisse sie ja jetzt schon.


21 Walt Whitmans Grasblätter gelesen, die von Jürgen Brȏcan besorgte erste vollständige deutsche Übersetzung der deathbed edition. Der Hanser Verlag hat sie herausgebracht, 861 Seiten Dünndruckpapier, das Inhaltsverzeichnis nicht mitgerechnet. Mit Lesebändchen, Anmerkungen, Varianten, Nachweisen, Erläuterungen und Auskünften zur Übersetzung. Kann man gut lesen.

Link | 13. Januar 2010 | 25 comments | Druck
... comment  


Δ

Leistung muss sich wieder lohnen.
Content farming. Wahrscheinlich läuft es darauf hinaus. Gut programmierte Maschinen stellen fest, was der Mensch da draußen in der Offline-Welt wirklich lesen will. Texte darüber, was man bei Grippe macht. Oder wie man verhindert, dass jemand in einen Swimmingpool fällt. Oder was Twitter ist. So in der Art, nichts Aufregendes, die Menschen wollen ja meistens nichts Aufregendes lesen, nichts gut Geschriebenes, bloß halbwegs Verständliches, die meisten jedenfalls. Es gibt genügend Leute, die solche Texte schreiben können, es gibt genügend, die sie schreiben, für 15, 20, 30 Dollar. Oder Videos drehen. Oder Euro, völlig egal. Vielleicht auch über die SPD. Oder Nahost, Datenschutz, auch egal, alles egal. Da werden wir uns wieder treffen, die Printjournalisten und die ihnen jetzt vorwerfen, dass sie alles falsch machen, die ganzen Leute, die jetzt noch ihre Distinktionsscharmützel austragen. Ich auch, mag schon sein, wer weiß das schon. Na gut, man könnte Prezi-Präsentationen vorführen stattdessen, darüber, wie toll das alles ist, mit den Algorithmen und den Maschinen, die die Bedürfnisse erraten und der On-Demand-Produktion und dem Crowdsourcen und dem Ende der Hochmut & des Autorengeschwurbels, damit würde man eine Weile gut beschäftigt sein und gutes Geld verdienen können, aber irgendwann werden sich auch die Prezi-Präsentationen wie von selbst fabrizieren, in irgendeiner anderen content farm, und dann wüssten wir schon wieder nicht, was wir tun sollen.

* Wired > The Answer Factory: Demand Media and the Fast, Disposable, and Profitable as Hell Media Model

* ReadWriteWeb > Content Farms: Why Media, Blogs & Google Should Be Worried

* TechCrunch > The End Of Hand Crafted Content

* TechCrunch > AOL Newsroom Now Has (Wow) 1,500 Writers

* NZZ > Hor-sol-Journalismus

Link | 10. Januar 2010 | 3 comments | Druck
... comment  


Δ

As he lay ill in the chamber of a Paris hotel, Oscar Wilde issued the famous ultimatum: “Either that wallpaper goes, or I do.” Wilde went. The wallpaper stayed. It was a curious lesson in mortality, one Wilde may, perhaps, rather not have learned
NY Observer > Print is not dead

Link | 3. Januar 2010 | no comments | Druck
... comment  


Δ

i ist kein gutes initial
Eine Zeitung/Zeitschrift ist mehr als nur ein Container für Inhalte, ein Speichermedium, das durch andere Speichermedien, Container ersetzt werden könnte. Eine Zeitung ist ein Ding. Eine Stadt. Eine Welt. Eine Organismus. Ein Modell. Es gibt andere Dinge, Städte, Welten, Organismen, Modelle - aber es sind andere. Eine Zeitung ist eine Produktionsweise, ein Produktionszusammenhang, ein bestimmter Zusammenhang, in dem alles anders zusammenhängt als zum Beispiel auf einer Website, einem Nachrichten-Aggregator, einem E-Reader, auf einem Iphone, auf einem Weblog oder im Nebeneinander von Weblogs. Eine Zeitung hat eine erste und eine letzte Seite und den Fluss dazwischen, man muss ihn nicht fließen, aber er fließt. Eine Zeitung hat einen Anfang, ein Ende, ist etwas Abgeschlossenes, die Montage, Konstruktion eines Zustands. Eine Zeitung wird von einem Zusammenhang, einer Organisation, einer Gruppe, einer Hierarchie und von Nichthierarchien innerhalb der Hierarchie gemacht, nicht wirklich von Einzelnen, die bloß ihr Einzelnes in denselben Container füllen, was sie zwar auch tun, aber auf eine bestimmte Weise, mit einem bestimmten Ergebnis, einem anderen Ergebnis als auf einer Website, einem News-Aggregator usw. In einer Zeitung gibt es Plätze, Hauptstraßen und Hinterhöfe, Fassaden, Ostflügel und Westtrakte, eine bestimmte Architektur, eine bestimmte Sortierung, andere Architekturen und Sortierungen als anderswo. Und es gibt andere Wege von A nach Z, mit anderen Zwischenaufenthalten. Es gibt ein Terrain, nicht viele Terrains. Es ist eine Stadt, nicht nur ihre Bewohner, ein Stadtbild, nicht nur die Inneneinrichtungen der Städter.

Es ist eine Fußballmannschaft, nicht Stürmer, Verteidiger, Torleute, sondern ihr Zusammenhang, die taktische Aufstellung, die Kenntnis von Laufwegen, manchmal auch blinde Kenntnis, das Eingespieltsein, Umschaltenkönnen, die Organisation des Chancen-Witternkönnens, Tempoanziehens, Temporausnehmens, es ist auch der Mannschaftsbus, das Trainingslager, der Zeugwart, die Scoutingabteilung, die B-Mannschaft, das Rotieren.

Es gibt die Leute, die nicht schreiben, aber gut recherchieren können; ihre Recherche wäre verloren, gäbe es nicht andere, die mit der Recherche etwas beginnen könnten. Es gibt die Schreiber, deren Nuggets man sich merkt, man weiß nicht, woher sie kommen, hat sie nie kommen sehen, aber einen Zusammenhang, der nur aus Nuggets bestünde, ist keiner mehr, taugt nichts, geht gar nicht. Es gibt den grammar buff, der die richtigen Konjunktive parat hat, du würdest falsche Konjunktive merken, an einer unangenehmen Berührtheit, irgendwo im Sensorium, man merkt das Falsche, ohne auf es zeigen zu können, aber man merkt es. Es gibt die Idiosynkratiker, man hat sie sich deswegen geholt, die jedes abgestorbene Wort aus den Texten derer amputieren, die noch nicht genügend Idiosynkrasien gesammelt haben, jedes Sinnlichkeit pur undsoweiter, sobald es die Idiosynkratiker nicht gibt, wird es sofort um einiges schlechter, auch wenn dasselbe drin steht, aber die Idiosynkratiker sind es oft, die selbst nicht schreiben können, gelähmt, blockiert von ihren eigenen Idiosynkrasien, jedes Wort eine Qual, doch an den Texten anderer geht es. Es gibt die Experten, die man sich auf Vorrat hält, den Mann, der zufällig alles über Waffensysteme, Hybridmotoren, den Gotha weiß, man braucht sie nicht oft, aber dann eben doch einmal, und er kann einem alles sagen, aufschreiben, dem Kollegen, der besser schreiben kann, den Faktenstand durchgeben. Es gibt den Grafiker, der dich anraunzt, dass ein Foto nicht geht, weil die Frau auf ihm so öde aussieht wie seine alte Tante, die er nie leiden konnte, der sich weigert, ein Layout mit Bildern zu machen, auf denen Frauen über Hügelkämme springen oder Männer von Krawatten erwürgt werden, es gibt den Art Director, der dich anruft, um dir zu sagen, dass ein I als Initial das Layout zerstört, es gibt den Schlussgrafiker, in dem ein Schmerz zuckt, wenn fünf Zeilen hintereinander mit einer Trennung enden, es gibt den Ressortleiter, der stillschweigend Absätze streicht und dennoch steht hinterher mehr drin, steht es besser, verständlicher, unterhaltsamer drin, es gibt die Fact- und Crosschecker, die über Worte stolpern, nachfragen, anrufen und herausfinden, dass ein Kino nicht 212, sondern 234 Plätze haben, es gibt die Chefs, die du schnell überzeugen musst, weil sie gleich wieder ein Meeting haben, entweder er frisst die Geschichte nach zehn Sekunden zwischen Tür und Angel oder du bekommst keinen Platz, es gibt den, der italienisch spricht und den anderen, der russisch kann und eines Tages kannst du das brauchen, es gibt den Kaffeeautomaten, die Mittagspause, den watercooler talk, bei dem Nebensächlichkeiten plötzlich zusammenschießen, zu Ideen, Geschichten, Dossiers, es gibt das müssen wir machen, müssen wir unbedingt machen, ohne dass es dann je gemacht wird, weil so viel anderes passiert, es gibt die Pingel und die Schwafler und die Pompösen und die Edelfedern und die Verbissenen und dann irgendwann den Augenblick, in irgendeinem Meeting, in dem dir aufgeht, wie viel Respekt du vor dem Pingel und dem Schwafler und dem Gotha-Kenner und dem Zylinderkopf-Freak haben kannst, und dass das Zusammenhänge sind, die du sonst selten hast. Seltsam, das alles. Siehst du dann auch am Produkt, der Zeitung/Zeitschrift, genauer: ahnst es, weil du ja nur selten, an endlosen Wochenenden oder endlosen Sommertagen, von vorne nach hinten liest, inklusive Horoskop und Wissenschaftsseiten und politisches Buch, aber jedes Mal, wenn du es tust, gehst du in die Knie vor dieser Idee (platonischen Idee der Zeitung, wie es vermutlich auch eine platonische Idee der Stadt gibt), damals zum Beispiel, als du in der New York Times den halbseitigen Artikel gelesen hast über die Schauspielerportraitfotos-samt-Autogramm, die in manchen New Yorker Restaurants hängen und wie sich diese Fotos verändert haben, seitdem es kaum noch Schwarzweiß gibt, wäre dir nie aufgefallen, aber dann eben doch, und wie irre das ist, dass so etwas in dem selben Ding steht wie Washington, Kursverluste, Red Sox; musst du nicht einmal lesen, aber ahnen können, dass es da wäre und du es lesen könntest und du es fändest, einfach nur durch Blättern, während du das auf einer Website nicht fändest, nicht ahntest, nicht ahnen könntest, auch wenn es da wäre.

Solche Zusammenhänge, immer wieder, in der Süddeutschen, Frankfurter, auch in vielem immer wieder, wo du selbst warst, immer wieder, diese Dinger, die du noch hortest, obwohl sie das Verfallsdatum längst überschritten haben (das Sean Penn-Cover wieder gesehen: und war richtig, genau richtig so, sagten wir gestern abends),

& irgendwie auch diese Ahnung, dass es (diese Art Zusammenhang, die Stadt, das Ding, der Fluß zwischen der ersten und der letzten Seite) genau das ist, was du vermissen könntest, gäbe es das nicht mehr, irgendwann, wie sie jetzt alle sagen, selbst die Leute, die noch in diesen Zusammenhängen arbeiten (atmen; leben), & dass es genau das ist, was die Leute, die sich über den Totholzclub lustig machen und vieles besser wissen (auch wenn sie ihm selbst angehören) immer wieder übersehen, als wäre das nur ein Container, bei dem es egal wäre, würde er durch andere Container ersetzt, & mich gefragt, auch, ob die Leute, die das übersehen, vielleicht diese Einzelleute sind, Einzelschreiber, Einzelkämpfer, atomisierte Individuen, die deswegen, weil sie atomisiert sind, die bestimmten Zusammenhänge nicht kennengelernt haben & deswegen nicht wissen, was eben auch verloren ginge, gäbe es den Totholzclub nicht mehr, ein bestimmter Reichtum, um den es schade wäre (so wie man Analogfotografie vermissen kann oder eine Typographie, die noch Wert auf Kerning legte usw., weil man weiß, dass sie etwas konnten, was wichtig, gut, richtig war), & dann taten sie mir leid, einigermaßen ratlos, der Totholzclub und die ihn nicht vermissen werden auch, weil sie nicht kennengelernt haben, was nicht mehr da ist, wenn der Totholzclub nicht mehr da sein wird.

Link | 22. April 2009 | 10 comments | Druck
... comment  


Δ

louche and loose and lots of fun
tables for two, das bessere qype, user writer generated content.

Link | 1. April 2009 | no comments | Druck
... comment  


Δ