VAGUE.



Lesen, Schreiben [1]

1 Walt Whitmans Leaves of Grass mit Stanza auf das Iphone geholt. Man kann es lesen. Aber nicht sehr lange. Dann nervt es. Nicht die Leaves of Grass, auch nicht das Iphone. Aber die Deppen, die einen glauben lassen wollen, man könne E-Bücher ja auch mal auf einem Mobiltelefonschirm lesen. Vielleicht haben sie an Pixie-Bücher gedacht. Oder an die executive summary von Auf der Suche nach der verlorenen Zeit. Ein Mann kann nicht einschlafen. Na siehste, geht doch.

2 Walt Whitmans Grasblätter gelesen, die von Jürgen Brȏcan besorgte erste vollständige deutsche Übersetzung der deathbed edition. Der Hanser Verlag hat sie herausgebracht, 861 Seiten Dünndruckpapier, das Inhaltsverzeichnis nicht mitgerechnet. Mit Lesebändchen, Anmerkungen, Varianten, Nachweisen, Erläuterungen und Auskünften zur Übersetzung. Kann man gut lesen. Ist gut gesetzt. Was nicht mehr bedeutet als: Der Satz fällt einem nicht auf.

3 Im vergangenen Jahr immer wieder den Versuch unternommen, E-Bücher zu lesen. Auf dem Iphone, auf dem Laptop, auf einem E-Book-Lesegerät, das ich mir ausgeliehen habe. Na ja.

4 Ganz sicher wird man irgendwann einmal E-Texte typografisch besser behandeln als jetzt. Das glaube ich den E-Bücher-Leuten sogar. Vielleicht versuche ich es dann ja wieder. Jetzt habe ich keine Lust mehr, mir Geräte und Waren schöner zu reden, als sie sind, indem ich ihnen Potential konzediere. Das hat mich an den Digital-Hanseln immer schon genervt: Ständig behecheln sie einen mit ihren Überzeugungen, was in den Dingen stecken könnte, irgendwann einmal, irgendwann werden sie es schon schaffen, sobald sie alle unsere Bug Reports ausgewertet haben. Was soll eigentlich so schwer daran sein, Text gut zu setzen? Das haben die Hinterwäldler von der Papierfront schon vor 200 Jahren geschafft.

5 Für wen sollen E-Buch-Lesegeräte eigentlich gut sein? Am ehesten wohl für Leute wie mich. Die 200 Bücher im Jahr lesen oder noch mehr. Eine ziemlich kleine Minderheit, die meisten Leute lesen ja, wenn es hochkommt, zehn oder zwanzig Bücher im Jahr. Dafür braucht man sich kein Lesegerät anzuschaffen. Und falls doch, nur ein einziges Mal im Leben. Man bekäme alles drauf, was man sich so im Leben zusammenliest, und könnte sich zusammen mit seiner Kindle-Bibliothek voller Nick Hornbys begraben lassen. Aber kann es im Sinne der Hersteller sein, dass ein Normalkonsument mit einem einzigen ihrer Kästen ein Leben lang bestens bedient wäre und sich also nie wieder ein neues, verbessertes Teil kaufen muss? Wahrscheinlich werden sie Sollbruchstellen einbauen. Oder noch öfter erzählen, dass man auf einem E-Buch-Lesegerät ständig seine ganzen Bücher rumschleppen kann, bis die Leute an einem Badenachmittag vergessen, dass Kindles sich mit Sand nicht so dolle vertragen. Dann werden sie die Version 5 schon kaufen.

6 Das ist es, womit man Menschen wie mir, die viele Bücher lesen und so viele Bücher besitzen, dass sie jeden Umzug verfluchen, immer wieder mal die E-Reader andrehen will: Wir könnten, sagt man uns, ganze Bibliotheken in ihnen unterbringen und hinterher in die Jackentasche stecken. Na toll. Soll ich jetzt alle meine Bücher noch einmal kaufen? Oder einscannen und auf den E-Reader laden? Oder sie mir aus einer Filesharing-Site saugen? Vielleicht stehe ich einfach auf, gehe zum Bücherregal, ziehe das Buch raus und beginne in ihm zu lesen. Aber vielleicht raffe ich es mal wieder nicht.

7 Oder man könnte mit 20 Büchern in den Urlaub fahren. Oder ständig seine Handbibliothek dabei haben. Oder immer genau das zum Lesen finden, wonach einem gerade der Sinn steht. Ja, klar. Das sind exakt die Bedürfnisse, die Leute haben. Habt ihr toll erkannt.

8 Leseproben lesen. Erste Kapitel lesen. Reinblättern ins Buch. Die Pröbchenisierung des Lesens, ich pack Ihnen da noch was ein für ihre fettige Haut.

9 Das muss mir jetzt keiner in die Kommentare schreiben, das habe ich selbst schon hundertzwölftausend Mal gelesen: Es wird E-Bücher geben, in denen man dann Videos gucken kann. Oder der Autor einem die Hörbuchversion vorliest. Oder als Bonus ein Making-Of mitgeliefert wird. Und und und. Multimedialer Content, noch und nöcher. Echt super. Vielleicht solltet ihr gleich aus allem ein Playstation-Spiel machen. Oder etwas mit 3 D. Dann muss man auch die Brille dazukaufen.

10 Warum einem so viele (schreibende) Journalisten immer wieder erzählen, dass Multimedialität so klasse ist, habe ich nie verstanden. Und warum kommt eigentlich nie im Kino jemand auf die Idee, nach zwanzig Minuten ein paar Seiten Text auszuteilen, die man sich reinziehen muss, ehe der Film weitergeht? Oder im Berghain jemand auf den Einfall, den Flow mit ein paar Internetseiten anzureichern? Das wäre doch auch multimedial. Aber es fällt ihnen immer nur bei Text ein, dass man mit Multimedialität weiterkäme als ohne.

11 Außerdem nervt es, dass die Geräte, auf denen man E-Books lesen kann, immer diesen blöden Geräte-Rand haben. Ich mag doch kein Gerät ansehen müssen, wenn ich etwas lesen will.

12 Außerdem nervt es, dass die Texte immer hinter Glas liegen.

13 Außerdem nervt es, dass ich in E-Texten keine Anmerkungen machen kann. Oder unterstreichen. Jaja, es gibt Simulationen. Aber die taugen nichts. In fünfzehn Jahren werden sie sicher so weit sein. Dann gucke ich mir das noch einmal an, versprochen.

14 Lauter total verstockte Hinterwäldlereinwände, ich weiß das schon.

15 Am Verrücktesten, denke ich manchmal, sind die E-Buch-Freunde, die immer so supercheckermäßig lächeln, sobald jemand "Haptik" sagt. Wie peinlich, dass jemand eine Immaterialität anfassen will! Ich denke mir dann immer, sollen sie doch mit einem Turingtest vögeln.

16 Der Unterschied zwischen dem Iphone-Walt-Whitman und dem Hanser-Walt-Whitman: 39,90 Euro. Eigentlich verrückt, wieviel man heutzutage noch für 39,90 Euro bekommen kann. 861 Seiten Whitman, makellose Übersetzung, hervorragende Editionsarbeit, freundlicher Kommentar, gute Typographie, guter Druck, gute Buchbindearbeit, eine perfekte Benutzeroberfläche. Wie lange Brȏcan daran gesessen haben muss! Wie mutig das ist von Michael Krüger! Wie lange man etwas von diesen 39,90 Euro haben kann! Wie viel länger als von einem Kindle man etwas von diesen 39,90 hat! Das gibt man für einmal zu zweit schnell essen aus, in einem der billigeren Thailäden hier ums Eck. Und dennoch wird das Papierbuch verrecken. Weil es irgendwann verrecken muss. Weil die Papierbuchläden verrecken werden. Und die Papierbuchleser verrecken werden. Und die Kindles und Tablets nichts mehr kosten werden, wenn man sie zusammen mit einem Zweijahresabo SpiegelBildBrigitteohneModels kauft. Weil man sich aus dem Netz die alten Übersetzungen der Leaves of Grass ziehen kann, für lau, oder ein paar Lesepröbchen. Weil die Grasblätter nicht multimedial sind, obwohl in ihnen mehr passiert als auf ganz YouTube, aber so ein Multimedial-Anhänger will sich ja nichts vorstellen müssen, Interpassivität, wenn das eine Multimedialmaschine für ihn tun kann.

17 Neulich habe ich in einem Artikel der NZZ eine fürchterliche Diatribe gegen die Handschrift gelesen. Braucht keiner mehr, hieß es darin, ist bloß Qual, das zu erlernen, lästige Feinmotorikdressur. Und außerdem ist eine Handschrift nicht natürlich, so wie das Sehen und Hören. Superargument übrigens: Weil etwas nicht natürlich ist, kann man es auch lassen. Ich dachte sofort: du blöde Nuss. In Zukunft fressen die Spione Iphones, wenn sie bei der Gefangennahme Informationen verschwinden lassen wollen. Und die Schüler werfen bei der Klassenarbeit einander die Ipod-Touchs zum Spicken zu. Und in den Tatoo-Studios hält man den Steiß unter den Nadeldrucker. Und die Gefangenen setzen ihre Kassiber ins Internet ab. Und die Liebhaber klappen das Rückenkeyboard ihrer Geliebten auf, wenn sie ihr auf den Rücken schreiben wollen, wie verdammt heiß sie sie finden. Aber dann schrieb die Lady am Ende ihres Artikels, dass die wünschenswerte Abschaffung der Handschrift noch auf sich warten lassen werde, die sumerische Schrift hätte die Sumerer auch noch ziemlich lange überlebt. Puh, noch einmal davongekommen.

18 Natürlich geht es um den Preis bei dem ganzen E-Bücher-Gewese. Ein E-Buch muss nicht gedruckt, verschickt, in Lagern deponiert, durch die Gegend kutschiert werden. Das macht die Herstellung billiger. Für den Hersteller und für den Käufer. Nicht, dass der Hersteller beim E-Buch-Verkaufen seine Herstellungsersparnisse an den E-Buch-Käufer ungeschmälert weitergeben wird, ach nö, wirklich nicht. Ein bißchen Geld muss er für Amazon abdrücken. 50 Prozent des Ladenpreises, habe ich gelesen. Die Gerüchte sagen, dass es im Apple I-Buch-Laden, wenn das Tablet dann da ist, 30 Prozent des Ladenpreises sein werden, die der E-Buch-Verlag an Apple zu entrichten hat. Das muss man sich einmal vorstellen: 30 Prozent dafür, dass ein E-Buch-Laden ein paar MB Speicherplatz und einen Platz im Listing gibt und die Abrechnung übernimmt. Aber für den Leser ist es immer noch billiger. Außerdem wird er sich das Tablet ja holen, weil es ein Supergerät ist, und wenn man ein Supergerät hat, will man damit etwas anfangen können, deswegen wird er E-Books kaufen. Jede Menge. Fünfmal so viel wie vorher. Fünfzigmal so viel wie vorher. Und die hat er dann immer dabei. Was für ein irrer Distinktionsgewinn das ist!

19 "Some people will always want printed books, just as some people enjoy candles today. But we will eventually think of these as souvenirs."

20 Die Buchhändler werde ich vermissen. Ich vermisse sie ja jetzt schon.

21 Walt Whitmans Grasblätter gelesen, die von Jürgen Brȏcan besorgte erste vollständige deutsche Übersetzung der deathbed edition. Der Hanser Verlag hat sie herausgebracht, 861 Seiten Dünndruckpapier, das Inhaltsverzeichnis nicht mitgerechnet. Mit Lesebändchen, Anmerkungen, Varianten, Nachweisen, Erläuterungen und Auskünften zur Übersetzung. Kann man gut lesen.



Link | 13. Januar 2010 | Druck