VAGUE.



pfirsiche, organza

Die Rede kam aufs bevorstehende Zeitungssterben. Es werden noch viele dran glauben müssen, sagte Kippen, von seiner aufsehend, dann haben wir’s nicht mehr so gemütlich im Kaffeehaus. Ich kann es kaum noch erwarten, sagte Kutt, eine Zeitung brauche ich schon lange nicht mehr. Du liest doch gerade eine, sagte Kippen. Nur, um sicher zu sein, dass ich sie nicht mag, sagte Kutt, ich kann diesen Seich nicht mehr ertragen. Und wenn keiner mehr eine Zeitung macht, sagte Kippen, hasst du das Internet. Blödsinn, sagte Kutt, das Internet ist es nicht wert, dass man es hasst, irgendwo muss die Gleichgültigkeit ja einsetzen. Was hast du eigentlich immer für Journalisten übrig? Ich weiß auch nicht, sagte Kippen, ich mag sie eben, jemand muss doch alles aufschreiben. Dass es Kuschelparties gibt. Oder dass Yves Saint Laurent ein Kunst-Messie war, der sich seine Wohnung mit Schönheit vermüllt hat. Dass bei Fauchon in Paris jeder einzelne Pfirsich von Hand geputzt wird, ehe man ihn den Leuten anbietet. Für einen weißen Pfirsich gäbe ich jetzt auch viel, sagte Kutt. Na siehst du, sagte Kippen, wenn du Zeitung liest, bekommst du wenigstens noch eine Sehnsucht. Ich will aber keine Sehnsucht haben, sagte Kutt, nach gar nichts. Ich schon, sagte Kippen, dringend. Als ob du die aus der Zeitung bekämst, sagte Kutt. Wenn ich eine lese, steht immer nur drin, wie alles immer weiter den Bach runtergeht. Oder wie wenig die Koteletts im Supermarkt kosten und wo man anrufen kann, wenn man ein Geschlechtsteil mieten will. Du musst das Feuilleton lesen, sagte Kippen, nicht den Seich, mit dem du dich immer aufputschst, ich lese immer nur das Feuilleton. Oder die Modegeschichten. Scheint nichts zu nützen, sagte Kutt, du siehst immer noch grausam aus. Nicht grausamer als du, sagte Kippen. Aber ich darf das, sagte Kutt, ich lese keine Modegeschichten. Ich möchte einfach hin und wieder gesagt bekommen, dass es Frauen gibt, die Organza tragen, sagte Kippen, damit ich mir ein anderes Leben vorstellen kann. Oder nur, dass sich ein anderer, der das liest, ein anderes Leben vorstellt, sich in ein Flugzeug hineinsetzt und nach Paris verschwindet. Ich nicht, sagte Kutt, ich brauch kein anderes Leben mehr. Und auch nicht, dass ein anderer ein anderes Leben braucht. Ist doch eh immer dasselbe mit den anderen Leben, hinterher sind sie gar nicht groß anders.
Weil du nicht rausgehst, Kutt, sagte Kippen. Du doch auch nicht, Kippen, sagte Kutt. Aber ich les wenigstens, sagte Kippen. Kotellets, sagte Kutt, wirst schon sehen, was du von den Zeitungen hast.



Link | 10. März 2009 | .txt