Das Territoriale in einer Stadt voller Leerstände. Wo wohnt ihr? - Prenzlauer Berg. - Ja, das ist, wo ihr alle wohnt. - Was meinst du damit? - Ach!
Immer noch Déjà-vus: Hier bist du schon gewesen, als es noch die DDR gab. Die Auslöser Müdigkeit, Unkonzentriertheit, die über die Reviermarkierungen des Kapitalismus hinwegsieht - Reklame, größere Autos, hellere Fassadenanstriche, Wohlfühlfarben. Jedes Mal die Frage: Aber was hast du hier gemacht?
Neulich in der Süddeutschen ein Artikel über den Abwehrkampf großer Buchhändler gegen Amazon: Verkleinerung der Sortimente, Ersetzung der Rückenansicht (im Regal) durch die Frontalansicht (als Stapel auf Tischen), Inszenierung des Bücherkaufens als Erlebnis; das darin besteht, dass man das Buch sehen, anfassen, in ihm blättern darf (deswegen nicht nur ein Ansichtsexemplar, sondern zwei oder drei). Das Physikalische, das die Geschäfte mit dem Geist retten soll - statt den Geist zu retten. Kapitulation, um nicht kapitulieren zu müssen (unser USP ist nun mal, dass man bei uns die Bücher anfassen kann...).
Charla Muller, 365 Nächte: Eine Frau schenkt ihrem Mann zum 40. Geburtstag ein Jahr lang, Tag um Nacht um Tag, Sex. Es hätte ein grandioses Buch werden können, wenn darin über den Überdruss, die Ekstasen des Wiederholens, die Absencen, das Gegenläufige von Geist und Körper, das Scheissegal- und Docherregtsein, das Zwanghafte & Zwangentgehen, das Langweilige und Dochnichtlangweilige am und an Genitalen geschrieben worden wäre; doch wer das zu beschreiben wüsste, hat andere Geburtstagsgeschenke, schreibt andere Bücher, ist jemand anderer.
Musil, Die Vollendung der Liebe. Müsste man noch einmal schreiben, anders als er. (Das Seltsame immer wieder an Musil: wie bei ihm das Gestische das Erzählen ersetzt. Jemand sitzt, liegt, steht; selten geht, kommt jemand.)
Mention the Kellermonster. Gelesen, dass es in Österreich eine Band namens Kreisky gibt; zur selben Zeit, in St.Pölten stand gerade Josef F. vor Gericht, in einem Weblog der New York Times wütende Kommentare wütender Österreicher gelesen, die sich gegen die Vermutung eines dunklen österreichischen Nationalcharakters zur Wehr setzen (Fritzl beweist gar nichts, auch anderswo schlimme Sauereien, der Krieg ist schon lange vorbei), in einem Update Robert Mackeys, des Weblog-Betreibers, als Beleg dafür, dass die Geschichte weitergegangen sei, auch die Erwähnung Kreiskys: "the country in fact had a post-war Jewish chancellor, the Socialist Bruno Kreisky"; und genau an dieser Stelle kam die Erinnerung an die Zeit, Mitte der 70er, ich war fünfzehn damals, als ich mir auf den Wiesen hinter dem Haus das Rauchen angewöhnte und eines Tages plötzlich jemand, zweidrei Jahre älter als ich, fragte, ob ich denn auch wüsste, wie man es nennt, wenn man eine Zigarette nicht mit dem Streichholz, sondern an der Glut einer anderen Zigarette anzündet. Ich wusste es nicht, und so sagte er, stolz, mit diesem Insider-Stolz, den Jungs haben, wenn sie sich initiiert wähnen: "Das nennt man einen Kreisky machen". Wie perfide, wie Kellermonster diese Bemerkung war, ist mir erst zweidrei Jahre später aufgegangen, als ich siebzehn war & mir aus keinem besonderen Grund diese Bemerkung wieder eingefallen war (Gedächtnis, das sich so etwas merkt, um es irgendwann lösen zu können) und: immer noch erschrocken über die Perfidie der Menschen, mit denen ich damals zu tun hatte und über die Pipelines der Geschichte, von denen immerzu behauptet wird, sie wären unterbrochen worden.
Tobias Rapp. Berlin, Techno und der Easyjetset. Bericht, in dem das Antiökonomische (das Feiern, die Entgrenzung, der Potlatsch) und das Ökonomische (der internationale Flugverkehr, leistungssteigernde Drogen, Selbstausbeutung, target marketing, 80-Stunden-Woche, usw.) untrennbar miteinander verbunden sind.
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