VAGUE.



i ist kein gutes initial

Eine Zeitung/Zeitschrift ist mehr als nur ein Container für Inhalte, ein Speichermedium, das durch andere Speichermedien, Container ersetzt werden könnte. Eine Zeitung ist ein Ding. Eine Stadt. Eine Welt. Eine Organismus. Ein Modell. Es gibt andere Dinge, Städte, Welten, Organismen, Modelle - aber es sind andere. Eine Zeitung ist eine Produktionsweise, ein Produktionszusammenhang, ein bestimmter Zusammenhang, in dem alles anders zusammenhängt als zum Beispiel auf einer Website, einem Nachrichten-Aggregator, einem E-Reader, auf einem Iphone, auf einem Weblog oder im Nebeneinander von Weblogs. Eine Zeitung hat eine erste und eine letzte Seite und den Fluss dazwischen, man muss ihn nicht fließen, aber er fließt. Eine Zeitung hat einen Anfang, ein Ende, ist etwas Abgeschlossenes, die Montage, Konstruktion eines Zustands. Eine Zeitung wird von einem Zusammenhang, einer Organisation, einer Gruppe, einer Hierarchie und von Nichthierarchien innerhalb der Hierarchie gemacht, nicht wirklich von Einzelnen, die bloß ihr Einzelnes in denselben Container füllen, was sie zwar auch tun, aber auf eine bestimmte Weise, mit einem bestimmten Ergebnis, einem anderen Ergebnis als auf einer Website, einem News-Aggregator usw. In einer Zeitung gibt es Plätze, Hauptstraßen und Hinterhöfe, Fassaden, Ostflügel und Westtrakte, eine bestimmte Architektur, eine bestimmte Sortierung, andere Architekturen und Sortierungen als anderswo. Und es gibt andere Wege von A nach Z, mit anderen Zwischenaufenthalten. Es gibt ein Terrain, nicht viele Terrains. Es ist eine Stadt, nicht nur ihre Bewohner, ein Stadtbild, nicht nur die Inneneinrichtungen der Städter.

Es ist eine Fußballmannschaft, nicht Stürmer, Verteidiger, Torleute, sondern ihr Zusammenhang, die taktische Aufstellung, die Kenntnis von Laufwegen, manchmal auch blinde Kenntnis, das Eingespieltsein, Umschaltenkönnen, die Organisation des Chancen-Witternkönnens, Tempoanziehens, Temporausnehmens, es ist auch der Mannschaftsbus, das Trainingslager, der Zeugwart, die Scoutingabteilung, die B-Mannschaft, das Rotieren.

Es gibt die Leute, die nicht schreiben, aber gut recherchieren können; ihre Recherche wäre verloren, gäbe es nicht andere, die mit der Recherche etwas beginnen könnten. Es gibt die Schreiber, deren Nuggets man sich merkt, man weiß nicht, woher sie kommen, hat sie nie kommen sehen, aber einen Zusammenhang, der nur aus Nuggets bestünde, ist keiner mehr, taugt nichts, geht gar nicht. Es gibt den grammar buff, der die richtigen Konjunktive parat hat, du würdest falsche Konjunktive merken, an einer unangenehmen Berührtheit, irgendwo im Sensorium, man merkt das Falsche, ohne auf es zeigen zu können, aber man merkt es. Es gibt die Idiosynkratiker, man hat sie sich deswegen geholt, die jedes abgestorbene Wort aus den Texten derer amputieren, die noch nicht genügend Idiosynkrasien gesammelt haben, jedes Sinnlichkeit pur undsoweiter, sobald es die Idiosynkratiker nicht gibt, wird es sofort um einiges schlechter, auch wenn dasselbe drin steht, aber die Idiosynkratiker sind es oft, die selbst nicht schreiben können, gelähmt, blockiert von ihren eigenen Idiosynkrasien, jedes Wort eine Qual, doch an den Texten anderer geht es. Es gibt die Experten, die man sich auf Vorrat hält, den Mann, der zufällig alles über Waffensysteme, Hybridmotoren, den Gotha weiß, man braucht sie nicht oft, aber dann eben doch einmal, und er kann einem alles sagen, aufschreiben, dem Kollegen, der besser schreiben kann, den Faktenstand durchgeben. Es gibt den Grafiker, der dich anraunzt, dass ein Foto nicht geht, weil die Frau auf ihm so öde aussieht wie seine alte Tante, die er nie leiden konnte, der sich weigert, ein Layout mit Bildern zu machen, auf denen Frauen über Hügelkämme springen oder Männer von Krawatten erwürgt werden, es gibt den Art Director, der dich anruft, um dir zu sagen, dass ein I als Initial das Layout zerstört, es gibt den Schlussgrafiker, in dem ein Schmerz zuckt, wenn fünf Zeilen hintereinander mit einer Trennung enden, es gibt den Ressortleiter, der stillschweigend Absätze streicht und dennoch steht hinterher mehr drin, steht es besser, verständlicher, unterhaltsamer drin, es gibt die Fact- und Crosschecker, die über Worte stolpern, nachfragen, anrufen und herausfinden, dass ein Kino nicht 212, sondern 234 Plätze haben, es gibt die Chefs, die du schnell überzeugen musst, weil sie gleich wieder ein Meeting haben, entweder er frisst die Geschichte nach zehn Sekunden zwischen Tür und Angel oder du bekommst keinen Platz, es gibt den, der italienisch spricht und den anderen, der russisch kann und eines Tages kannst du das brauchen, es gibt den Kaffeeautomaten, die Mittagspause, den watercooler talk, bei dem Nebensächlichkeiten plötzlich zusammenschießen, zu Ideen, Geschichten, Dossiers, es gibt das müssen wir machen, müssen wir unbedingt machen, ohne dass es dann je gemacht wird, weil so viel anderes passiert, es gibt die Pingel und die Schwafler und die Pompösen und die Edelfedern und die Verbissenen und dann irgendwann den Augenblick, in irgendeinem Meeting, in dem dir aufgeht, wie viel Respekt du vor dem Pingel und dem Schwafler und dem Gotha-Kenner und dem Zylinderkopf-Freak haben kannst, und dass das Zusammenhänge sind, die du sonst selten hast. Seltsam, das alles. Siehst du dann auch am Produkt, der Zeitung/Zeitschrift, genauer: ahnst es, weil du ja nur selten, an endlosen Wochenenden oder endlosen Sommertagen, von vorne nach hinten liest, inklusive Horoskop und Wissenschaftsseiten und politisches Buch, aber jedes Mal, wenn du es tust, gehst du in die Knie vor dieser Idee (platonischen Idee der Zeitung, wie es vermutlich auch eine platonische Idee der Stadt gibt), damals zum Beispiel, als du in der New York Times den halbseitigen Artikel gelesen hast über die Schauspielerportraitfotos-samt-Autogramm, die in manchen New Yorker Restaurants hängen und wie sich diese Fotos verändert haben, seitdem es kaum noch Schwarzweiß gibt, wäre dir nie aufgefallen, aber dann eben doch, und wie irre das ist, dass so etwas in dem selben Ding steht wie Washington, Kursverluste, Red Sox; musst du nicht einmal lesen, aber ahnen können, dass es da wäre und du es lesen könntest und du es fändest, einfach nur durch Blättern, während du das auf einer Website nicht fändest, nicht ahntest, nicht ahnen könntest, auch wenn es da wäre.

Solche Zusammenhänge, immer wieder, in der Süddeutschen, Frankfurter, auch in vielem immer wieder, wo du selbst warst, immer wieder, diese Dinger, die du noch hortest, obwohl sie das Verfallsdatum längst überschritten haben (das Sean Penn-Cover wieder gesehen: und war richtig, genau richtig so, sagten wir gestern abends),

& irgendwie auch diese Ahnung, dass es (diese Art Zusammenhang, die Stadt, das Ding, der Fluß zwischen der ersten und der letzten Seite) genau das ist, was du vermissen könntest, gäbe es das nicht mehr, irgendwann, wie sie jetzt alle sagen, selbst die Leute, die noch in diesen Zusammenhängen arbeiten (atmen; leben), & dass es genau das ist, was die Leute, die sich über den Totholzclub lustig machen und vieles besser wissen (auch wenn sie ihm selbst angehören) immer wieder übersehen, als wäre das nur ein Container, bei dem es egal wäre, würde er durch andere Container ersetzt, & mich gefragt, auch, ob die Leute, die das übersehen, vielleicht diese Einzelleute sind, Einzelschreiber, Einzelkämpfer, atomisierte Individuen, die deswegen, weil sie atomisiert sind, die bestimmten Zusammenhänge nicht kennengelernt haben & deswegen nicht wissen, was eben auch verloren ginge, gäbe es den Totholzclub nicht mehr, ein bestimmter Reichtum, um den es schade wäre (so wie man Analogfotografie vermissen kann oder eine Typographie, die noch Wert auf Kerning legte usw., weil man weiß, dass sie etwas konnten, was wichtig, gut, richtig war), & dann taten sie mir leid, einigermaßen ratlos, der Totholzclub und die ihn nicht vermissen werden auch, weil sie nicht kennengelernt haben, was nicht mehr da ist, wenn der Totholzclub nicht mehr da sein wird.



Link | 22. April 2009 | Druck
  


Δ

die fürsorglichkeit der folterer

Fluid requirement: 35 ml/kg/day. This may be increased depending on ambient temperature, body temperature, and level of activity. Medical officers must monitor fluid intake, and although detainees are allowed as much water as they want, monitoring of urine output may be nessecary in the unlikely event that the officers suspect that the detainee is becoming dehydrated.
American Civil Liberties Union > Bush Administration Torture Memos

Link | 22. April 2009 | Moderne Zeiten
  


Δ