VAGUE.



zäpfchen

intermarché, hamburg-bahrenfeld Wenn Mama anruft, sage ich immer, es ist alles in Ordnung, du musst dir keine Sorgen machen, aus dem Gröbsten sind wir doch raus. Dabei sage ich das nur, weil ich nicht noch öfter von Mama angerufen werden will, kannst dir nicht vorstellen, wie mich das nervt. Sie fragt sowieso immer nur, was jetzt mit Frank und ob Marcus endlich sauber ist und ob ich mir das alles nicht früher überlegen hätte können. Neulich ist mir aufgefallen, dass sie nie wissen will, wie es mir geht. Frank sowieso nicht, der kümmert sich ja noch nicht einmal um Marcus, die Weihnachtsgeschenke hab sowieso wieder ich kaufen müssen. Wenn das mit mir nicht mehr klappt, ist das schon okay so, aber dass er sich nicht einmal um seinen eigenen Sohn kümmert, finde ich so was von hart. Willst du nicht wissen, wie es Marcus geht, hab ich ihn gefragt, und er hat echt die Frechheit, gar nichts drauf zu sagen. Am liebsten würde ich ihm Marcus einfach vor die Tür setzen, soll der Herr doch sehen, wie er klar kommt. Scheisse, man macht das ja doch nie. Der würde ihn glatt erfrieren lassen. Aber ich, ich kann's ja. Und wenn ich dann fertig bin, zick ich natürlich rum und bin die Frustrierte und brauch mich gar nicht wundern, wenn er keine Böcke mehr hat auf mich. Was hätt ich denn tun sollen? Er hat doch Marcus selbst gewollt, und wie, hat er doch die ganze Zeit behauptet, und ich war's doch, die Angst hatte. Wir schaffen das schon, sagte er, wär doch gelacht. Aber ein Vierteljahr nach der Geburt soll ich wieder dauernd mit ihm ins Bett gehen, obwohl mir permanent die Brüste wehtun vom Stillen. Weiß er ja nicht, wie weh das tut, die ersten Sekunden, bis das einschießt. Manchmal, hab ich Lust, Marcus zu nehmen und an die Wand zu klatschen, einfach so, weil ich nicht mehr kann, aber ich hör schon auf, tut mir leid, dass ich dir den ganzen Scheiß reindrücke. Mit mir ist echt nichts mehr los. Ich komm da einfach nicht drüber weg, dass der sich einfach nicht mehr blicken lässt und nicht einmal seinen Sohn sehen will, und ich kann ihm das nicht einmal sagen, weil er dann eh wieder nur denkt, dass ich nur eine Frustfresse bin, seine Wort, jetzt ziehst du schon wieder deine Frustfresse und ob ich nicht einmal ein anderes Gesicht machen kann, aber wenn ich mich dann bemüht hab, wollte er gleich wieder, unfassbar, manchmal hab ich mich direkt danach gesehnt, dass Marcus wieder aufwacht und schreit, nur damit es sowieso nicht in Frage kommt, dass wir was tun. Und weißt du, was er dann gesagt hat, du kannst ihm doch, hat Frank gesagt, ungelogen, du kannst ihm doch so ein Schlafzäpchen in den Arsch stecken, dass der durchschläft, das geht doch nicht, dass wir uns jedesmal von dem Kind rausschmeißen lassen müssen, das kannst du doch nicht verlangen von mir. Du weißt ja gar nicht, wie sehr ich mich freue auf dich, ich hol dich dann vom Bahnhof ab, ja, ich weiß, dass ich das nicht muss, aber ich will eben, und erzähl bloß Mama nichts davon.

Link | 3. Januar 2003 | .txt