jede nacht
Dass ihre Mutter tüdelig geworden ist, hat sie ihr lange übel genommen. Sie hat gedacht, dass das Absicht ist. Wenn sie ins Heim gekommen ist, hat die Mutter sie gefragt: Wer bist du denn? Und kaum war sie wieder zu Hause, hat die Mutter schon angerufen, warum sie sie denn nie besucht. Das hat lange gebraucht, bis sie verstanden hat, dass die doch nur tüdelig gewesen ist.
Jede Nacht träume ich von ihr. Kind, warum kommst du mich nie besuchen? Oder sie nimmt den Schlüssel und schmeisst ihn beim Fenster hinaus. Das kann sich keiner vorstellen, wie das ist. Als ob sie mich nicht loslassen will. Dabei kann ich sie nicht loslassen. Vor Weihnachten habe ich mit dem Akkordeonorchester im Heim gespielt. Die Leute, die noch gehen können, gehen in die Zimmer mit den Bettlägrigen und singen ihnen Weihnachtslieder vor. Und wir spielen dazu Akkordeon. Da hab ich mir Veronika geschnappt, die hat ja meine Mutter gepflegt, und ihr das erzählt. Dass ich jede Nacht träume von ihr. Das ist mir auch so gegangen, hat die Veronika gesagt in ihrem polnischen Akzent. Mit ihrem Vater, genau dieselbe Geschichte. Dann bin ich aber hin zum Grab von meinem Vater und habe ihn richtig angeschrien. Vater, ich verzeih dir alles. Alles, was du mir je angetan hast. Aber nicht, dass du immer noch kommst, obwohl du tot bist. Seitdem kommt er nicht mehr.
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