rätsel
R. musste die Hoffnungslosigkeit üben, sich wieder warm anziehen, wieder ohne Handy spazierengehen, an der Rudermaschine arbeiten, bis es ihr die Brust zerfetzte, das ging so nicht mehr weiter mit dem Unglücklichsein. Er war es nicht wert, dass sie sich so peinigte, er war auch nur so ein Halberwachsener, der sich nicht entscheiden konnte, ein Nichtfestleger, der bloß einen Notnagel in petto haben wollte für zwischendurch. Sie wusste das ja, immer lief es auf diese Mitleidsabende hinaus, wenn sie gerade nichts besseres vorhatten, und weil sie dann doch ein schlechtes Gewissen bekamen ihr gegenüber und nicht riskieren wollten, dass sie sich wirklich etwas antat, es war immer dasselbe und schon lange vorher absehbar, aber eben nicht lange genug, ganz zu Anfang wusste sie es eben noch nicht und schon gar nicht, ehe sie sich verliebte. Am Verlieben selbst war ja nichts auszusetzen, sonst hätte es gar keinen Sinn gehabt, sich auf einen Mann einzulassen, so lauwarme Geschichten, die ihr empfohlen wurden, hatte sie immer verachtet, da konnte sie gleich alleine bleiben, vielleicht war das ihr Verhängnis. Dabei hatte es diesmal so gut angefangen wie nie, sie hatte schon gedacht, das wäre es jetzt endlich, es sprach ja alles dafür, wie er kam und gar nicht notdürftig wirkte dabei, eher im Gegenteil, er war übervoll, warf mit Geschichten nach ihr, und lass uns das machen, lass uns dort hingehen, so wie er aussah, hätte er sowieso jede haben können, also, das sprach schon einmal dafür, dass ihm an ihr lag, an ihr höchstpersönlich, und nicht an der Behebung irgendeines männlichen Mangels. In Wahrheit hatte sie es damit sehr viel eiliger als er gehabt, es war schon fast peinlich gewesen, wie sie sich immer in Positur gesetzt hatte, die Spaghettiträger, die Anspielungen, diese Nächte, in denen es tatsächlich für ihn viel zu spät gewesen war für ihn, noch nach Wedel hinauszufahren, er hätte wirklich nur zugreifen müssen. Aber er ließ sich Zeit, um sie dann mit umso mehr Anlauf umzuschmeissen, wie in einem Grausamkeitsdrehbuch, dachte sie jetzt oft, dieses Gleiten, dieses Fließen, wie er abends immer ankam wie gerade frisch auf dem Planeten ausgesetzt, komm, ich koche für uns, ich habe Wein mitgebracht, komm, lass uns ins Kino, komm lass uns tanzen gehen, komm lass uns schnell zum Meer fahren, und nie Anstalten, sie auch nur beiläufig zu berühren, obwohl sie sich alle Mühe gab, der musste das doch kapieren, was sie da alles machte mit ihren Haaren, und sah der nicht, wie sie sich hinbeugte, damit er ihr in den Auschnitt sehen konnte, aber nein, er ließ sich Zeit dabei, schrieb lieber Briefe, sowieso schrieb er dauernd, Eilbote Express, dass ein einzelner Mann so viel schreiben konnte, sonst sagten die doch nie etwas. Und dann, nach geschlagenen sechs Monate, sagte er, sie hatte nie herausgefunden, warum gerade an diesem Tag, er würde jetzt bitte gerne mit ihr ins Bett, tatsächlich sagte er bitte, aber ja, sagte sie, ich dachte, du kämst nie mehr darauf, da war sie noch lächelnde Überlegenheit, machte sich vor, sie hätte noch irgendetwas in der Hinterhand. Vielleicht war ja das der Fehler gewesen, vermutlich, immer ist es davor schöner als hinterher, und wenn einer sich so lange ziert, das ist doch auch nicht normal, sie hatte sich selbst ja schon gefragt, ob mit ihm etwas nicht stimmte, immer bis an den Bettrand und dann doch wieder nicht, aber dann, als er sich endlich nicht mehr geziert hatte, ob ich das je wieder rauskriegen kann aus mir, lächerlich eigentlich, sie war ja schon über 30 und auf über zwei Dutzend Liebhaber kam sie ja auch , obwohl, so wie das mit ihm war, waren das alle nur Stümper, keine Liebhaber gewesen, Männer eben, und das war jetzt das Schwerste daran, wenn wenigstens das schlecht gewesen wäre, jetzt saß sie da und musste sich wieder zusammenklauben. Wann hatte das angefangen, dass er doch wieder nur ein Rätsel geworden war, dasselbe alte Rätsel, saß da so herum, schaute weg, wenn sie ihn anschaute, zog ihr die Hand weg im Kino, sagte, dass das so nicht mehr weitergehen könne, sagte, dass er auch nicht wisse wieso, sagte, dass es ihm ja auch leid täte, sagte, er könne nicht mehr, sagte, es hätte keinen Sinn, sagte, es hätte keinen Sinn, noch so zu tun, als liebte er sie noch, kam zwar noch vorbei, wenn sie sich am Telefon noch schlimmer als sonst anhörte, sagte, vielleicht hat es einfach nicht sein sollen, sagte, zu einem anderen Zeitpunkt hätte er sie womöglich sogar geheiratet, sagte, geh doch aus, triff dich doch mit anderen, sagte, er wisse doch auch nicht, sagte, ich weiß, dass du dich bemühst, aber du belauerst mich immer noch, merkst du das nicht, sagte, deine Liebe bringt mich noch um, sagte, wenn du so weitermachst, sollten wir uns besser gar nicht mehr sehen. Und sie jetzt, endlich aufhören damit, wieder hoffnungslos werden, noch eine Runde rudern, ja, soll wehtun, soll mich zerfetzen, es muss etwas geben, das noch mehr weh tut als er, so geht das nicht mehr weiter mit dem Unglücklichsein.
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