abb.
Beim Mittagessen sprachen sie über den bevorstehenden Krieg. Es war, dachte Kapp, immerhin etwas, worüber man noch sprechen konnte, in allem anderen waren sie einander immer gleichgültiger. Und dennoch war auch der Krieg nicht mehr wie früher. Er erregte sie nicht mehr. Es war bloß die Sehnsucht nach einer Erregung, die sie ins Reden trieb, sie wollten sich nicht immer ihrer Erschöpfung ergeben. Jeder Tennispieler hat es leichter als wir, dachte Kapp. Wenn er merkt, dass er nichts mehr taugt, zieht er sich zurück und verschafft sich eine Erinnerung bei den Leuten. Aber wir wollen uns immer noch ineinander verbeissen und tun, als dürften wir überhaupt mitspielen.
Am schlimmsten wird wieder das Fernsehen sein, sagte Kippen. Die Fadenkreuze und Feuerwerke, die sie uns wieder hinhalten werden. Falls sie ganz moralisch sein wollen, geben sie uns ein Insert dazu, auf dem "freigegeben vom Pentagon" steht. Und am nächsten Tag ringt sich in der Zeitung ein Leitartikler einen Salm über die Ästhetik von Videospielen ab. Als ob die eine Ahnung hätten, wie so ein Videospiel aussieht.
Und dass passt dir jetzt nicht, sagte Kutt, dass dir das Fernsehen ein schlechtes Kriegsprogramm liefert? Sonst fahren sie doch auch jeder Visage in die Poren hinein, sagte Kippen, nur beim Krieg halten sie sich zurück und sagen dir obendrein, dass sie dich beim Sichzurückhalten angelogen haben. Was das Lügen nur potenziert. Weil sie nämlich nur so tun, als würden sie uns, wenn sie grünes Licht vom Pentagon bekämen, den Krieg tatsächlich zeigen. Sie sollen uns leid tun, die armen deutschen Nachrichtenredakteure, denen das Pentagon den Wunsch verhagelt, den Krieg herzuzeigen, wie er ist. Vielleicht würde es wirklich helfen, sagte Kutt. Vielleicht würden die Menschen aufwachen, wenn sie Blut zu sehen bekämen.
Als ob sie nicht wach wären, sagte Kippen, die Menschen.
Ich jedenfalls, sagte Kutt, ich will Blut sehen. Ich will die abgerissenen Körperteile sehen, und die Menschen, denen sie abgerissen worden sind; und ich will die Kinder sehen, denen man die Eltern wegbombardiert hat; und die zertrümmerten Teehäuser. Gar nicht so schlecht, dachte Kapp, wie er sich in Rage redet, er beneidete ihn gleich wieder dafür, er konnte das nicht mehr. Wenn er es recht bedachte, hätte ihn auch das Blut bald gelangweilt.
Du bist der tollwütigere Hund von uns beiden, sagte Kippen. Kaum ist ein irgendwo ein Krieg, bestehst du darauf, dass dir auch ein anständiger geboten wird. Es reicht dir nicht, dass die Leute sterben. Du willst ihnen dabei noch zusehen. Als ob ihr Tod vergeudet wäre, wenn keine Kameras dabei wären. Der Iraker soll seine Augen verdrehen dabei, die Fleischfetzen sollen fliegen, sonst fühlst du dich betrogen.
Du hast doch gerade selbst gesagt, dass es dich stört, sagte Kutt, wenn sie dir nur die Fadenkreuze zeigen.
Blödsinn, sagte Kippen, Ich will gar nichts sehen vom Krieg, überhaupt nichts, verstehst du. Ich will, dass keiner sein Programm unterbricht, wenn der Krieg losgeht. Die sollen ihre Vierschanzentourneen und Schlagerfestivals und Darmkrebsmonate veranstalten, das können sie besser, das haben sie geübt. Die sollen gar nichts zeigen, keine Fadenkreuze, keine Flugzeugträger, keine Truppenbewegungen, keine Pressebriefings, keine Grünenabstimmungen und keine Bushreden. Du spinnst doch, sagte Kutt. Überhaupt nicht, sagte Kippen. Wenn sie gar nichts brächten, wäre das doch die perfekte Abbildung des Kriegs. Irgendwo da hinten unten werden Leute geschlachtet, und allen anderen da vorne oben, uns halt, ist es völlig egal, wir ignorieren das. Wir tun nicht einmal so, als würde uns das interessieren. Genauer kriegst du den Krieg gar nicht abgebildet, als wenn du ihn nicht einmal erwähnst.
Das geschieht sowieso schon die ganze Zeit, sagte Kutt, es gibt doch ein paar Dutzend Kriege auf der Welt, von denen man rein gar nichts erfährt, und wir glauben, wir sind im tiefsten Frieden. Ach was, die musst die auch nicht kennen, das Dutzend Kriege, wahrscheinlich sind es sogar noch mehr, ich würde das nicht ausschließen, dass es hundert sind, wenn man sich die alle merken wollte, käme man gar nicht mehr nach.
Dann hast du ja, was du willst, sagte Kutt. Gar nichts hab ich, sagte Kippen. Es genügt ja, dass sie einen einzigen Krieg in unsere Köpfe hineinprügeln, und es ist doch klar, dass sie sich da für den jeweils besten entscheiden. Ich will mir aber gar keinen Krieg in meinen Kopf hineinprügeln lassen. Das Gefühl, das ich dabei haben soll, es kommt mir immer vor, ich müsste gleich eine Habachtstellung annehmen, verstehst du, ich soll mich dann auch irgendwo still hinsetzen und denken, ob ich dafür oder dagegen bin, und mir den Kopf zerbrechen, ob die ihren Scheisskrieg jetzt führen, weil sie selber eine Scheissangst haben oder weil sie das Öl haben wollen oder die Weltherrschaft oder weil irgendeiner irgendeiner Wahl gewinnen muss und sonst nichts herzeigen kann außer so einen Krieg, und ich soll mir bis in den Schlaf hinein Sorgen darüber machen, was jetzt der deutsche Kanzler tun wird und mir die Nachrichten anschauen von irgendsoeinem dicklichen grünen Vorstandssprecher, und dann soll ich mich freuen, weil der deutsche Kanzler sich ein bißchen ziert, ehe er auch nicht mehr anders kann, als sich nicht mehr zu zieren, und dann frag ich mich immer, ob sie das alles nicht nur deswegen tun, damit wir uns alle jeden Tag daran erinnern, dass es diese Sachen alle gibt, das Öl und die Weltherrschaft und den Kanzler und den Präsidenten. Vielleicht wollen die sich nur in Erinnerung bringen, so wie du einem Kind jeden Morgen grundlos eine Ohrfeige gibst, rein präventiv. Und deswegen, verstehst du, will ich, dass sie diesmal gar nichts über den Krieg bringen. Wenn sie nichts bringen, dann verpufft das, dann kannst du endlich einmal wieder eine Woche über etwas anderes nachdenken als über den Kanzler und den Päsidenten und das Öl und die Weltherrschaft, und vielleicht, wieso denn nicht, könntest du gerade in der Woche auf eine Idee kommen. Aber sie werden das nicht zulassen. Wir sollen uns Sorgen machen, wir sollen immer an sie denken, wir sollen nicht auf die Idee kommen, dass man ohne sie auch leben könnte. Sag doch selber, wann war denn in deinem Leben der letzte Tag, an dem du nicht das Wort "Schröder" in deinem Kopf gehabt hast, und dann sag mir, was soll das denn bitte schön für ein Leben sein, in dem man ein Wort wie "Schröder" im Kopf haben muss. Also, ich bin für den Darmkrebsmonat. Im April ist der, glaube ich, oder im März, Darmkrebsmonat, der heißt so, kannst mir ruhig glauben.
Aber wenn keiner erfährt, wie schlimm es ist, sagte Kutt, dann wird doch keiner etwas dagegen tun.
Und wenn jeder erfährt, wie schlimm das alles ist, sagte Kippen, wird erst recht keiner etwas dagegen tun.
Kapp fühlte sich wohl mit den beiden, Freunde waren sie, Brüder, seit Jahren schon hätte er ihnen gerne gesagt, wie viel sie ihm bedeuteten, aber er hatte es nie geschafft, manchmal war er fast soweit, ihr wisst gar nicht, wie sehr ich euch liebe, ja liebe, die Wörter hatten schon Aufstellung genommen in seinem Mund, doch dann kam es ihm vor, als schickte es sich nicht, so etwas zu sagen.
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