Nicht wahr! Was haben Sie dort unten gemacht? Und warum sitzen Sie schon wieder hier? Sie müssen doch fertig sein mit Ihren Nerven.
Nein, natürlich bin ich hier gelieben. Aber es war, als wäre ich dort gewesen. Verkehrsstaus, Ratlosigkeit, keiner weiß was, zuerst in der Idylle, dann im tristen Industriegebiet. Auch die Nachbarn nicht.
Wovon reden Sie?
Twitterströme. Kennen Sie nicht?
Dass Sie sich nicht schämen!
Man will doch wissen. Sie nicht?
Dass man sich im Blutdurst gleich ins Auto setzt und lauter Blutdurstige die Ortseingänge blockieren? Dass wusste ich schon. Nichts geschah, was nicht vorher schon geschehen ist.
Man kann das Nichts jetzt schneller durchgeben.
Als ob das Nichts auf 140 Zeichen einen Platz hätte.
Aber hallo! Seit wann kennen Sie sich so gut aus mit den neuen Medien?
Man sollte wissen, wovor man in Deckung gehen muss. Sie nicht?
Immerhin waren sie wieder einmal schneller als der Westen und die Belgier. Haben Sie übrigens gewusst, dass auch Al Tschassira vom Fritzlprozess berichten wird?
Ja sicher: We are the world.
Da sagen Sie was.
Irgendwann werden sie Katastrophen-Plug Ins für die Twitterfeeds erfinden. Dass jedes Mal der Computer schreit, wenn wieder was passiert ist.
Vorsicht! Wir haben uns doch geschworen, dass wir beide nie mehr über Geschäftsideen reden, sonst werden sie gleich wieder verwirklicht.
Aber das wär’s doch! So wie der Stern-Bundesligaticker, der jedesmal jubelt, wenn ein Tor fällt, auch wenns für Cottbus ist. Da braucht man dann nur noch hinschauen, wenn der Computer jubelt. Man könnte doch so einen Amoklaufticker programmieren, der bei jedem Toten ...
Sie sind ein Zyniker.
Ich doch nicht.
Was haben Sie denn jetzt gestern erfahren?
Dass die Twitteranten schnell sind. Dass sie schneller nichts wissen als die anderen, die alle auch nichts wissen.
Und deswegen sind Sie gestern vor ihrem Rechner gesessen?
Man muss irgendwas tun, wenn etwas passiert ist. Außerdem ist es wie bei jeder neuen Waffentechnik. Man mag wissen, wie genau sie zielen im Vergleich mit den Waffen, die es schon gbt.
Und?
Jede Menge Kollateralschaden. Einer hat am Ende des Tages durchgegeben, dass er Rucola mit Ziegenkäse gebraucht hat, danach überbackene Auberginen mit Hackfleisch/Kräuterfüllung. Und die Kollegen vom Focus, dass sie für die Übernachtung zwei Zahnbürsten bewilligt bekommen haben. Aber das ist wieder gelöscht worden, wegen grundsätzlicher Bedenken.
Aber stellen Sie sich vor, die machen am Morgen danach mit Mundgeruch ihre Hinterbliebeneninterviews. Oder taugen nichts mehr als Duo, weil sie einander im Frühstücksraum so anstinken.
Journalisten stinken einander nicht an, keine Sorge.
Da haben Sie den Niggemeier nie gelesen.
Ach der Niggemeier.
Na, sehen Sie.
Ja eh.
Mord ist eben eine Gelegenheit. Für die einen, schneller zu sein, für die anderen, Schnelligkeit in Frage zu stellen.
Und was tun Sie?
Dasselbe. Ekelig, ich weiß.
Haben Sie denn gar nichts mitgenommen von gestern?
Den Polizeipsychologen in der Sondersendung, als er über die Einübung von Empathie gesprochen hat.
Nicht wahr!
Ich schwör’s, hat er gesagt. Einübung von Empathie.
Ein Polizeipsychologe!
Das hat auch mir zu denken gegeben.
Vielleicht sollte man die Polizei Empathieeinübungskurse veranstalten lassen. Für die Zukunft.
Es ist doch schon alles geschehen.
Es ist immer schon alles einmal geschehen.
Na sehen Sie.
Ich habe Ihre Rechthaberei nie leiden können.
Ohne Rechthaberei kommen Sie aber auch nicht weiter.
Als ob man immer wohin müsste.
Ich befürchte, da haben Sie gar keine Wahl.
Schleifen, nichts als Schleifen.
Was schlagen Sie vor?
Wem?
Wie wem?
…
Es fällt Ihnen also auch nichts ein.
Gestern ist mir wieder eingefallen, was ich nach dem vorletzten oder vorvorletzten Amoklauf gelesen habe. Wie die Leichen dagelegen haben hinterher auf dem Tatort. Und wie dann in ihren Taschen die Handys zu klingeln begonnen haben, weil noch Angehörige und Freunde angerufen haben, die noch nicht wussten, dass ihr Anruf nicht mehr beantwortet werden wird. Ich weiß nicht mehr, wo ich das gelesen habe, in irgendeinem Artikel, in dem ein Polizist Auskunft über seine Erlebnisse gegeben hat.
Und?
Das habe ich mir gestern wieder vorstellen müssen. Wie in diesem Klassenzimmer dauernd noch Telefone läuten. Oder auch nicht. Weil man ja in einem Klassenzimmer das Telefon nicht angeschalten haben darf. Aber eines hat vielleicht geläutet. Weil das Kind es auszuschalten vergessen hat.