montag, 15.00
Ich ziehe meine Schuhe, meine Jacke und mein Hemd aus, ich lege mich auf die Massagebank, ich stecke mein Gesicht in das Loch am Kopfende, sie fragt, wie es mir geht, heute ganz mies, sage ich oder ganz gut oder diesmal besser, je nachdem, wie es mir geht, sie sagt, dass sie kalte Hände hat, jedesmal hat sie gesagt, dass sie kalte Hand hätte, aber immer waren sie warm, sie beginnt immer an derselben Stelle, rechts vom dritten Brustwirbel, an der Stelle, wo der Schmerz sich verkapselt hat, sie sucht sich einen Muskel aus, legt ihre Fingerkuppen darauf, beginnt den Muskel zu dehnen, ja sage ich, genau da, sie soll wissen, dass sie meinen Schmerz kennt, sie wandert die Muskelfasern entlang, und es ist, als würde sie mit meinem Schmerz reden, ach ja, sage ich, ergeben, die Genauigkeit, mit der sie mich erkennt, verwundert mich jedesmal aufs Neue, tut es weh, fragt sie, nein, sage ich, es ist gut so, ich gebe ihren Fingerkuppen nach, manchmal sprechen wir dabei, ich durch das Loch im Kopfende der Massagebank, sie in meinem Rücken, wir unterhalten uns über die erstaunliche Gelehrigkeit und das Gedächtnis von Muskeln oder über die Alten, die zweimal in der Woche kämen, damit ein Mensch sie berühre, und einmal hat sie mir auch von den Ehen erzählt, die sich hier schon ergeben hätten, eine hält schon elf Jahre lang, manchmal steht sie auch hinter meinem Kopf und zieht ihn kaum merklich aus dem Rumpf, ich muss achtgeben, damit ich es überhaupt bemerke, sie steht da, ihre Finger wie eingehakt knapp unter meinen Ohren, ich kann sie atmen hören dabei und atme mit ihr, und ihr Atem roch das letzte Mal ein wenig nach Milch, jetzt sind Sie erlöst, sagt sie, ich bedanke mich, bis nächsten Montag, sagt sie und geht aus dem Raum, ich stehe auf, ziehe mein Hemd, meine Schuhe und meine Jacke an, sicher hat sie mir beim ersten Mal ihren Namen genannt, aber ich habe ihn wieder vergessen.
all boys believe anything
Sie saß den ganzen Abend in ihrem grauen Minusgradepullover da und rauchte und lachte viel, und jedesmal, wenn man das für eine Art Aufforderung hielt, sah sie auf der Stelle ein wenig erschrocken aus, Paddy McAloon, erzählte sie, ist der einzige Gentleman gewesen, den ich je getroffen habe, leider hat er diese Augenkrankheit, kann kaum noch sehen, im Lift nahm er aus einem Beutel eine Lupe, damit er den Knopf für die richtige Etage drücken drücken konnte, und dann habe ich ihm gesagt "I am so proud to promote you", und Paddy McAloon sagte: "But I am so proud to have you", und dann erzählte sie noch, dass sie kosmetiksüchtig wäre, früher hätte man sie Sweet Campy genannt.
coverstory
Am Donnerstag, sagte er, habe ich meine erste Titelgeschichte und ich bin schon ganz aufgeregt & ich dachte, noch etwas, was du nie wieder haben wirst, ausgelutscht wie du jetzt bist, diese zwei, drei Tage vorher, bis das heft endlich aus der druckerei da ist, und dann guckst du das an und dir fallen immer noch ein Dutzend Fehler auf, aber dein Name steht drunter und ein paar Monate vorher dachtest du noch, sie würden dich feuern, aber dann hast du, weißt gar nicht wie, den Dreh rausbekommen, doch nach der vierten, fünften Titelgeschichte hast du dich nicht mehr groß dafür interessiert, konntest du jetzt, kanntest jeden einzelnen deiner öden Tricks & oh wie toll, sagte ich, gratuliere, das ist ja großartig & lass uns mal wieder treffen, sagte er, bei Jochen, ich hab eine Flasche Whiskey gewonnen bei so einer Wette, und Jochen hat die ganzen neuen Playstationspiele und lass uns den Whiskey saufen & ja gern, sagte ich, ruf mich einfach an, gerne.