An diesem Abend versuchten wir, einander zu erraten
Jeder hatte einen Zettel mit einem Namen gezogen, wir waren vierzig, vielleicht ein paar mehr oder weniger, ich habe nie durchgezählt, und sowieso habe ich sie nie alle gekannt, manche waren nur Körper, die mir beim Kaffeeholen im Weg standen, hallo, das war's auch schon. Außerdem hatten wir beschlossen, ging per Email rum, dass es nicht mehr als zehn Euro sein sollten, mir ging das auf den Senkel, ich lasse mir doch nicht Kleinlichkeit vorschreiben. Eine Stunde, ehe es losging, schob die Hälfte der Frauen ab, nach Hause zum Aufbrezeln, schwarze nicht ganz blickdichte Blusen oder jedenfalls schwarze Ausgehblusen, mir war das schon letztes Jahr ein wenig verzweifelt vorgekommen, ich meine, es waren doch nur wir, die sich da trafen, vierfünftel Frauen, und die Typen, waren entweder vergeben wie K. und ich oder schwul, und für den einen neuen Aushilfsgrafiker, das zahlte sich wirklich nicht aus, obwohl ich tatsächlich gespannt war, wer sich an ihn heranmachen würde. Es hatte Zeichen gegeben in den Tagen davor, plötzlich war wieder der Grunge ausgebrochen, bloß weil er nach Rockismus aussah, liefen drei von uns auf einmal ganz anders als sonst durch die Flure, kein Prada mehr, da geht was, dachte ich, mal sehen. Das Lustige war natürlich, dass derjenige dann den ganzen Abend lang nicht bei denen saß, sondern bei ganz anderen Frauen, ich glaube, so muss man das auch machen, fand ich gleich gut. Wie auch immer, ich hatte gleich beim Kommen mein Geschenk, deutlich teurer als 10 Euro, in den Sack gesteckt, und dann saß ich an einem Tisch mit den üblichen Verdächtigen, ganz hinten, die Leute, die sich für eine Weihnachtsfeier nie im Leben aufbrezeln würden und alles ein wenig piano nehmen, Coolness-Elite eben, man weiß ja, was man sich schuldig ist: bei der Rede, die dann gehalten wird, ein wenig die Augen verdrehen und sich nicht gleich ums Buffet schlagen, aber dafür schon mal drei Flaschen Wein bergen. Alles wie immer eben, auch das Buffett, italienische Antipasti, die einem gleich wie ein Mittachziger-Gedächtnisgedeck vorkamen, ich ging ein wenig herum mit meiner Digi und fotografierte sie alle, bis auf die eine, die sich nie fotografieren lässt, und ein paar umarmten sich vor meiner Kamera. Dann begann der Julklapp, die Namen wurden aufgerufen, ich bekam einen Aschenbecher, weil ich bekanntlich viel rauche, und irgendwie war ich ein wenig säuerlich darüber. Da ist ja gedacht worden, sagte ich, aber der Aschenbecher war von Habitat, der oder die hatte sich das nämlich gleich im Laden einpacken lassen, wahrscheinlich, damit ich nicht gleich denken musste, wie völlig geschmacksbefreit das war, und nach einer Minute war es auch wieder okay so, man wusste ja nicht, wer sich das ausgedacht hatte, konnte gut sein, einer von den Leuten, für die mir auch nicht das Geringste eingefallen wäre, was soll's. Ich bin dann knapp nach eins zu Hause gewesen, musste ja am nächsten Morgen früh raus.