mensch
Auf einmal ist man ewig in Räumen, in denen solche Plakate hängen. Die menschliche Muskulatur. Oder noch Schlimmeres. Lauter Defekte. Wenn man nicht selbst so defekt wäre, käme man in solche Räume gar nicht. Das wird jetzt so weitergehen. Immer mehr solcher Plakate. Und man guckt ein wenig auf ihnen herum, bis der Arzt kommt oder die Reha-Frau und schaut nach, wie das eigentlich dort heißt, wo es einem wehtut. Wahnsinn, wieviel es da gibt. Und wie das alles heißt. Man hat ja keine Ahnung. Man will überhaupt keine Ahnung haben. So ein Scheisskörper. Soll tun, was man ihm sagt und das Maul halten. Genügt doch. Der ganze Dreck da drinnen, unter der Haut. Man hat eh schon genug zu tun mit der ganzen Haut. Wo man die unterbringt und wie die ausschaut und dass man eine andere Haut findet. Und jetzt auf einmal soll ich mir merken, wie es da drinnen zugeht. Kann ich gut drauf verzichten.
jede nacht
Dass ihre Mutter tüdelig geworden ist, hat sie ihr lange übel genommen. Sie hat gedacht, dass das Absicht ist. Wenn sie ins Heim gekommen ist, hat die Mutter sie gefragt: Wer bist du denn? Und kaum war sie wieder zu Hause, hat die Mutter schon angerufen, warum sie sie denn nie besucht. Das hat lange gebraucht, bis sie verstanden hat, dass die doch nur tüdelig gewesen ist.
Jede Nacht träume ich von ihr. Kind, warum kommst du mich nie besuchen? Oder sie nimmt den Schlüssel und schmeisst ihn beim Fenster hinaus. Das kann sich keiner vorstellen, wie das ist. Als ob sie mich nicht loslassen will. Dabei kann ich sie nicht loslassen. Vor Weihnachten habe ich mit dem Akkordeonorchester im Heim gespielt. Die Leute, die noch gehen können, gehen in die Zimmer mit den Bettlägrigen und singen ihnen Weihnachtslieder vor. Und wir spielen dazu Akkordeon. Da hab ich mir Veronika geschnappt, die hat ja meine Mutter gepflegt, und ihr das erzählt. Dass ich jede Nacht träume von ihr. Das ist mir auch so gegangen, hat die Veronika gesagt in ihrem polnischen Akzent. Mit ihrem Vater, genau dieselbe Geschichte. Dann bin ich aber hin zum Grab von meinem Vater und habe ihn richtig angeschrien. Vater, ich verzeih dir alles. Alles, was du mir je angetan hast. Aber nicht, dass du immer noch kommst, obwohl du tot bist. Seitdem kommt er nicht mehr.