VAGUE.



Mit Sprache unterwegs. Literarische Reportagen nach Joseph Roth.

Zehn österreichische Autorinnen und Autoren sind im Rahmen des aktuellen Projekts mitSprache unterwegs beauftragt, sich schreibend und reisend mit der literarischen Gattung der Reportage auseinanderzusetzen. Als ideeller Bezugspunkt dieses Projekts dient Joseph Roth mit seinen wechselnden Schreiborten (z. B. Galizien, Berlin, Wien, Paris) und Themen (z.B. Migration, Leben in Vorstädten, Minderheiten, technischer Fortschritt und Industrialisierung).


Link | 12. Januar 2010 | Empfehlungen
  


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Frauen in den mittleren Jahren, Wirtschaftskrise, Botox, Feminismus, Steuerpolitik.

Ein paar Wochen lang wird über die Bo-Tax nachgedacht, eine fünfprozentige Steuer auf bloß kosmetische, medizinisch nicht erforderliche Leistungen plastischer Chirurgen: Facelifts, größere Brüste, Fettabsaugungen, Botox-Injektionen. Die Mehreinnahmen - 5,8 Milliarden Dollar in den nächsten zehn Jahren - sollen zur Finanzierung der Gesundheitsreform beitragen.

„Die meisten Menschen glauben, das sich eine solche Steuer gegen reiche republikanische Hausfrauen richtet“, sagt der Präsident der Amerikanischen Vereinigung der plastischen Chirurgen, „aber das stimmt nicht“. Ein Chirurg aus Santa Monica: Das sei eine feige Steuer. Durch sie würden Menschen belastet, die von niemandem vertreten werden und von denen man wisse, dass sie nicht zugeben wollen, etwas gemacht haben zu lassen. Die erwartbaren Einwände einer Gruppe, die Einkommensverluste befürchtet. Der nicht erwartete Einwand gegen die Bo-Tax kommt von Terry O'Neill, der Vorsitzenden von NOW, der „National Organization for Women": Es handle sich um Frauen-Diskriminierung, gerade jetzt in der Krise. Frauen, die ihren Job verloren haben, trügen sich möglicherweise mit dem Gedanken, sich hübscher machen zu lassen, weil sie daran interessiert seien, mögliche Arbeitgeber zu beeindrucken. Sie brauchen Jobs, nicht wahr? Und in einer Gesellschaft, die Frauen bestraft, wenn sie altern, werden sie sich Botox holen. Oder ihre Lider straffen lassen.

Sollte das Recht auf fairen Zugang zu plastischer Chirurgie zu den Forderungen eines zeitgenössischen Femismus gehören? Aber ja, sagt O'Neill. Wir leben in schlimmen Zeiten, und Frauen in einem bestimmten Alter sind am schlimmsten dran. Sie haben auf Einkommen und Karrierechancen verzichtet, um Kinder groß zu ziehen; sie pflegen ihre alten und kranken Eltern, statt voll ranzuklotzen; und sobald es ans Kündigen geht, haben die Leute mit einem hübscheren, also jüngeren Aussehen die größeren Chancen, ihren Job zu behalten. Ach ja: Die gegenwärtige Rezession hat bisher vor allem Männerjobs gekostet; umso wichtiger also, dass die Frauen mittleren Alters, die noch Jobs haben, diese behalten: Sie ernähren die Familien. Also: Sollen wir uns darum kümmern, die Oberflächlichkeit der Gesellschaft zu kritisieren? Oder sollen wir uns darum kümmern, dass Frauen nicht rausgeschmissen werden? In einer Wirtschaft, die so ist wie die unsere, können ein jüngeres Gesicht und ein strafferer Körper so entscheidend sein wie ein guter Lebenslauf.

Alexandra Suich, sie war einmal bei der NOW's Young Feminist Task Force, sie hat ihr Yale-Studium 2008 abgeschlossen, sie ist also deutlich jünger als O'Neill, die 57 ist, kann dem Kampf einer feministischen Organisation gegen die Besteuerung der Schönheitschirurgie nichts abgewinnen: "Sobald sich Frauen in einer Debatte über plastische Chirurgie verfangen, bringen sie sich um Gelegenheit, für die wahren (nicht die kosmetischen) Rechte von Frauen zu kämpfen. Und sie schicken an die jungen Frauen eine falsche Botschaft darüber, was die Substanz und das Wertesystem des Feminismus sind. Dem Feminismus geht es darum, eine diskriminierende Gesellschaft zu bekämpfen – nicht darum, die Diskriminierung zu akzeptieren und es den Frauen bloß erschwinglicher zu machen, vor ihr zu kapitulieren. Jungen Frauen sollte vermittelt werden, dass man sie für ihre Arbeit und ihre Fähigkeiten schätzen kann, nicht für Brüste und glatte Haut. Wenn die Veteraninnen des Feminismus ihre Prinzipien aufgeben, wie können sie dann von jungen Frauen erwarten, dass sie sich ihrer Sache anschließen?"

Laurie Lessig, der bei True/Slant ein Weblog namens "Class Warfare" hat und an einem Buch schreibt, das im Frühjahr 2010 erscheint und als "eine Kritik des Neoliberalismus am Beispiel der plastischen Chirurgie" angekündigt wird: Die Bo-Tax sei, wieder einmal, eine Steuer, unter der jene leiden müssten, die von der Politik ohnehin nicht vertreten würden - die arbeitenden Klassen und die Frauen. Plastische Chirurgie sei eben nichts mehr, was sich nur die Wohlhabenden kaufen würden, sondern ein Massenmarkt. Frauen, die sich operieren lassen, sind nicht dumm, sondern vernünftige ökonomische Akteure, die verstanden haben, dass besseres Aussehen zu größerem Erfolg auf dem Arbeits- und auf dem Liebesmarkt führt. Und: Was heißt schon "nicht notwendig"? Wenn ein Facelift dafür führt, dass der Ehemann seine finanziellen Beiträge nicht einstellt, ist er dann etwa nicht notwendig? Im übrigen sei für den Boom der plastischen Chirurgie auch das Kreditwesen mitverantwortlich - all die problemlos vergebenen Kredite für Boob-Jobs, an denen die Banken verdient haben. Man könnte sich lustig machen darüber, dass jemand dafür Schulden macht, sagt Lessig, aber, hey, was das Schuldenmachen und das Leben auf Kredit betrifft, gibt es nicht viele, denen man Durchblick attestieren kann, nicht wahr? Für Hollywood-Schauspielerinnen ist es keine großes Sache, ein paar Tausend Dollar für ein Aussehen auszugeben, das sie im Geschäft hält. Für alle anderen Frauen schon.

Ende Dezember wurde die Bo-Tax fallen gelassen. Und durch eine zehnprozentige Steuer für Sonnenstudios ersetzt. Sie soll dem Staat 2,7 Milliarden Dollar in den nächsten zehn Jahren bringen. Gegen die Sonnenstudiosteuer protestierten, aus leicht verständlichen Gründen, Politiker aus Alaska. Und eine kalifornische Sonnenstudiobesitzervereinigung, die auf den Umstand verwies, dass die meisten Sonnenstudios von Frauen betrieben werden.

[1] NYT: A Tax on Nips and Tucks Angers Patients, Surgeons

[2] NYT: Bo-Tax Backlash

[3] The Nation: Feminism's face-lift"

[4] True/Slant: Why cosmetic surgery shouldn’t be taxed

[5] NYT: A Tax Beyond the Pale?

[6] NYT: You’re Going to Pay for That Tan



Link | 12. Januar 2010 | Moderne Zeiten
  


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