[Jetzt erst, fünf Monate später, fällt mir auf, dass nur Beichte eine Türklinke hat, Aussprache aber nicht; damals kurz das Bedürfnis, einzutreten und alles zuzugeben, auf eine Weise, die dem Priester hochmütig hätte vorkommen müssen, wären Priester nicht mittlerweile auch nur Menschen, die einem alles nachsehen und alles irgendwie verstehen können, "hab den Roman nie geschrieben", "hab mich nie getraut, nach Paris auszuwandern", "hab nicht genügend nachgedacht über das unglückliche Bewusstsein", "hab beim Tanzen nie verstanden, wo die Arme hinsollen", "hab meine Talente verraten, wieder und wieder", "hab mich nicht genügend gekümmert", all so was, die wirklichen Sünden, von denen die Priester selten etwas erfahren, schon gar nicht mehr im 21. Jahrhundert; aber dann doch nicht gemacht; es wäre ohnehin keiner da gewesen, auch die Beichtstühle haben ihre Öffnungszeiten, sicher, man hätte jemanden herausläuten können, aber das tut keiner; die Vorstellung jetzt: dass da jemand sitzen könnte, Tag und Nacht und Tag, in Erwartung des einen, der vielleicht doch kommen könnte, die Beichte abzulegen, jetzt gleich]
Du sorgst dafür, dass es deinem Klienten gut geht. Limoservice, Hotelzimmer, Mädchen am Tisch, du hältst Kontakt, fragst, wie's geht, rufst die Jennys und Marys in deinem Buch an, sie sollen doch vorbeikommen am Abend, da wären ein paar Jungs, die sich unterhalten wollten, Gastfreundschaft eben, so in der Art, Freundschaft möglicherweise, jener allgegenwärtige Begriff der Nuller, der alles mögliche bedeuten kann, manchmal nehmen sie dich in den Urlaub mit, Europa, Bahamas, Vegas, weil du so viel mit ihnen abhängst, bist du einer von ihnen, Augenhöhe. Du kriegst 500 die Nacht und 10 Prozent von den Tischen, die du voll gemacht hast, oder 3000 die Woche, oder zwischen 800 und 1500 pro Nacht. Du versuchst, deinen Eltern zu erklären, was du machst, aber sie raffen es nicht, es gibt so viele Jobbezeichnungen jetzt, dass sogar du selbst manchmal den Überblick verlierst. In dem Augenblick, in dem du dich zu sehr auf ihn einlässt, hast du deinen Kunden verloren. Aber irgendwann, wenn du zu alt bist, hast du selbst deinen Club.
Irina Alexander erklärt das Nachtleben: New York Observer > The Not-Quite Madams, ein schönes Stück über Vergnügen und Simulation und Ökonomie.