VAGUE.



[Jetzt erst, fünf Monate später, fällt mir auf, dass nur Beichte eine Türklinke hat, Aussprache aber nicht; damals kurz das Bedürfnis, einzutreten und alles zuzugeben, auf eine Weise, die dem Priester hochmütig hätte vorkommen müssen, wären Priester nicht mittlerweile auch nur Menschen, die einem alles nachsehen und alles irgendwie verstehen können, "hab den Roman nie geschrieben", "hab mich nie getraut, nach Paris auszuwandern", "hab nicht genügend nachgedacht über das unglückliche Bewusstsein", "hab beim Tanzen nie verstanden, wo die Arme hinsollen", "hab meine Talente verraten, wieder und wieder", "hab mich nicht genügend gekümmert", all so was, die wirklichen Sünden, von denen die Priester selten etwas erfahren, schon gar nicht mehr im 21. Jahrhundert; aber dann doch nicht gemacht; es wäre ohnehin keiner da gewesen, auch die Beichtstühle haben ihre Öffnungszeiten, sicher, man hätte jemanden herausläuten können, aber das tut keiner; die Vorstellung jetzt: dass da jemand sitzen könnte, Tag und Nacht und Tag, in Erwartung des einen, der vielleicht doch kommen könnte, die Beichte abzulegen, jetzt gleich]



Link | 11. Januar 2010 | Geister
  


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Du sorgst dafür, dass es deinem Klienten gut geht. Limoservice, Hotelzimmer, Mädchen am Tisch, du hältst Kontakt, fragst, wie's geht, rufst die Jennys und Marys in deinem Buch an, sie sollen doch vorbeikommen am Abend, da wären ein paar Jungs, die sich unterhalten wollten, Gastfreundschaft eben, so in der Art, Freundschaft möglicherweise, jener allgegenwärtige Begriff der Nuller, der alles mögliche bedeuten kann, manchmal nehmen sie dich in den Urlaub mit, Europa, Bahamas, Vegas, weil du so viel mit ihnen abhängst, bist du einer von ihnen, Augenhöhe. Du kriegst 500 die Nacht und 10 Prozent von den Tischen, die du voll gemacht hast, oder 3000 die Woche, oder zwischen 800 und 1500 pro Nacht. Du versuchst, deinen Eltern zu erklären, was du machst, aber sie raffen es nicht, es gibt so viele Jobbezeichnungen jetzt, dass sogar du selbst manchmal den Überblick verlierst. In dem Augenblick, in dem du dich zu sehr auf ihn einlässt, hast du deinen Kunden verloren. Aber irgendwann, wenn du zu alt bist, hast du selbst deinen Club.

Irina Alexander erklärt das Nachtleben: New York Observer > The Not-Quite Madams, ein schönes Stück über Vergnügen und Simulation und Ökonomie.



Link | 11. Januar 2010 | Sensorium
  


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Leistung muss sich wieder lohnen.

Content farming. Wahrscheinlich läuft es darauf hinaus. Gut programmierte Maschinen stellen fest, was der Mensch da draußen in der Offline-Welt wirklich lesen will. Texte darüber, was man bei Grippe macht. Oder wie man verhindert, dass jemand in einen Swimmingpool fällt. Oder was Twitter ist. So in der Art, nichts Aufregendes, die Menschen wollen ja meistens nichts Aufregendes lesen, nichts gut Geschriebenes, bloß halbwegs Verständliches, die meisten jedenfalls. Es gibt genügend Leute, die solche Texte schreiben können, es gibt genügend, die sie schreiben, für 15, 20, 30 Dollar. Oder Videos drehen. Oder Euro, völlig egal. Vielleicht auch über die SPD. Oder Nahost, Datenschutz, auch egal, alles egal. Da werden wir uns wieder treffen, die Printjournalisten und die ihnen jetzt vorwerfen, dass sie alles falsch machen, die ganzen Leute, die jetzt noch ihre Distinktionsscharmützel austragen. Ich auch, mag schon sein, wer weiß das schon. Na gut, man könnte Prezi-Präsentationen vorführen stattdessen, darüber, wie toll das alles ist, mit den Algorithmen und den Maschinen, die die Bedürfnisse erraten und der On-Demand-Produktion und dem Crowdsourcen und dem Ende der Hochmut & des Autorengeschwurbels, damit würde man eine Weile gut beschäftigt sein und gutes Geld verdienen können, aber irgendwann werden sich auch die Prezi-Präsentationen wie von selbst fabrizieren, in irgendeiner anderen content farm, und dann wüssten wir schon wieder nicht, was wir tun sollen.



Link | 10. Januar 2010 | Druck
  


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