schnippisch
Snark is written by people who don’t have an ear for genuine wit. Comedy is hard work. Comics are cultural heroes, rightly so, and everyone wants to be like them, but most of us don’t have the discipline, the timing, or the phrasing. Comedy takes a great ear. Now that I’ve gotten this off my chest, I’m giving up the snark hunt. Social pressure is the only thing that will change it. If people tell the snarker that what he’s writing isn’t cool, that’s a beginning, but the trends, despite Obama’s calls for civility, are all leading toward more of it, not less.Schönes Interview mit David Denby über die Rhetorik des snark, Aufmerksamkeitsökonomie und Verdrängungsgeschubse.
Quelle: The Book Bench (New Yorker), 19.2. 2009 > The Exchange: David Denby
stimulus, stimulus!
After handing him a few dollars, I asked, “How’s the economy affecting you?’’ “No different,’’ he said. “It’s always lousy.’’Gay Talese denkt sich Schilder für New Yorker Bettler aus.
Quelle: NYT, 17.2.2009 > Gay Talese: When Panhandlers Need a Wordsmith’s Touch
super 8
silent Super8 film viewed on a cranky hand-cranked viewer
verhandlungsenglisch ist ein muss
Ich soll nicht immer warten, bis er den ersten Schritt unternimmt, ich soll gut kauen, ich soll von Zeit zu Zeit die Maschine entkalken, ich soll keine Angst haben, ich soll mein Licht nicht unter den Scheffel stellen, ich soll keine Querstreifen tragen, ich soll mich gut eincremen, ich soll nicht rauchen und die Pille nehmen, ich soll halbjährlich zum Zahnarzt gehen, ich soll ruhig manchmal etwas wagen, ich soll lieber vier kleine Mahlzeiten täglich zu mir nehmen, ich soll mich weiterbilden, ich soll bei meinem Teint rosenholzfarbene Lippenstifte tragen, ich soll mich mit meinen Fältchen versöhnen, ich soll meine Fantasien ruhig aussprechen, ich soll mit meiner Hausbank über die Umwandlung meines Dispo- in einen Ratenkredit verhandeln, ich soll mir die Achselhaare rasieren, ich soll mir die Bikinizone rasieren,ich soll ruhig mehr aus mir herausgehen, ich soll meine Handtasche mit meinen Schuhen abstimmen, ich soll die Alarmsignale meines Körpers nicht ignorieren, ich soll auch die Sichtweise des Arbeitgebers bedenken, ich soll Prioritäten setzen, ich soll ruhig mal die Dominante sein, ich soll mich nicht von schlechtem Gewissen drängeln lassen, ich soll nicht ständig über meine Belastung schimpfen, ich soll mich einmal wöchentlich verwöhnen lassen, ich soll mich von Rückschlägen nicht beirren lassen,ich soll mich nicht so anstellen, ich soll es ruhig mal mit Yoghurt statt Öl versuchen, ich soll ruhig ihn mal machen lassen, ich soll mich mit mir versöhnen, ich soll dreimal wöchentlich mindestens 20 Minuten Sport treiben, ich soll auf mein Bauchgefühl vertrauen, ich soll keine orangenfarbene Lippenstifte zu meinen gelben Zähnen tragen, ich soll das Rouge immer in die Richtung verstreichen, in welche das Gesicht verändert werden soll, ich soll mich im Gespräch nicht verstellen, sondern natürlich bleiben, ich soll die Beckenbodenmuskulatur anspannen, als würde ich Wasser zurückhalten, ich soll frech, aber nicht unverschämt auftreten, ich soll mir mein eigenes Netzwerk aufbauen, ich soll ihm sagen, wie ich am liebsten berührt werden, ich soll auch mal aus mir herausgehen, ich soll öfter in mich hineinhören, ich soll mich beizeiten um eine Altersvorsorge kümmern, ich soll mich mit meiner Tätigkeit identifizieren, ich soll beim ersten Mal am besten den Trainer fragen, wie hoch ich die Belastung einstellen kann, ich soll ihm von meinen früheren Liebhabern nicht brühwarm alles erzählen, ich soll mit Puder mattieren, ehe ich das Rouge auftrage, ich soll es vielleicht mit einer ganz originellen Bewerbung versuchen, ich soll nicht den Kopf in den Sand stecken, wenn es nicht gleich klappt, ich soll unbedingt darüber reden, ich soll mich in einer ruhigen Minute hinsetzen und aufschreiben, was ich in meinem Leben noch erreichen will.
jojo
Immer noch da, meistens gerade so eben, aber immer noch da. Pröbchen in der Handtasche, oBs normal, kein Fetttabellenterror jetzt, schon lange nicht mehr, längst hab ich mir alles verziehen, endlich ich, nach all den Jahren, lass uns doch einfach mal telefonieren.
aufregung, unruhe, weit und breit nichts zu sehen
Ich möchte mich so gerne vergeuden für irgendwas, aber nicht einmal das kriege ich noch hin.abb.
Beim Mittagessen sprachen sie über den bevorstehenden Krieg. Es war, dachte Kapp, immerhin etwas, worüber man noch sprechen konnte, in allem anderen waren sie einander immer gleichgültiger. Und dennoch war auch der Krieg nicht mehr wie früher. Er erregte sie nicht mehr. Es war bloß die Sehnsucht nach einer Erregung, die sie ins Reden trieb, sie wollten sich nicht immer ihrer Erschöpfung ergeben. Jeder Tennispieler hat es leichter als wir, dachte Kapp. Wenn er merkt, dass er nichts mehr taugt, zieht er sich zurück und verschafft sich eine Erinnerung bei den Leuten. Aber wir wollen uns immer noch ineinander verbeissen und tun, als dürften wir überhaupt mitspielen.
Am schlimmsten wird wieder das Fernsehen sein, sagte Kippen. Die Fadenkreuze und Feuerwerke, die sie uns wieder hinhalten werden. Falls sie ganz moralisch sein wollen, geben sie uns ein Insert dazu, auf dem "freigegeben vom Pentagon" steht. Und am nächsten Tag ringt sich in der Zeitung ein Leitartikler einen Salm über die Ästhetik von Videospielen ab. Als ob die eine Ahnung hätten, wie so ein Videospiel aussieht.
Und dass passt dir jetzt nicht, sagte Kutt, dass dir das Fernsehen ein schlechtes Kriegsprogramm liefert? Sonst fahren sie doch auch jeder Visage in die Poren hinein, sagte Kippen, nur beim Krieg halten sie sich zurück und sagen dir obendrein, dass sie dich beim Sichzurückhalten angelogen haben. Was das Lügen nur potenziert. Weil sie nämlich nur so tun, als würden sie uns, wenn sie grünes Licht vom Pentagon bekämen, den Krieg tatsächlich zeigen. Sie sollen uns leid tun, die armen deutschen Nachrichtenredakteure, denen das Pentagon den Wunsch verhagelt, den Krieg herzuzeigen, wie er ist. Vielleicht würde es wirklich helfen, sagte Kutt. Vielleicht würden die Menschen aufwachen, wenn sie Blut zu sehen bekämen.
Als ob sie nicht wach wären, sagte Kippen, die Menschen.
Ich jedenfalls, sagte Kutt, ich will Blut sehen. Ich will die abgerissenen Körperteile sehen, und die Menschen, denen sie abgerissen worden sind; und ich will die Kinder sehen, denen man die Eltern wegbombardiert hat; und die zertrümmerten Teehäuser. Gar nicht so schlecht, dachte Kapp, wie er sich in Rage redet, er beneidete ihn gleich wieder dafür, er konnte das nicht mehr. Wenn er es recht bedachte, hätte ihn auch das Blut bald gelangweilt.
Du bist der tollwütigere Hund von uns beiden, sagte Kippen. Kaum ist ein irgendwo ein Krieg, bestehst du darauf, dass dir auch ein anständiger geboten wird. Es reicht dir nicht, dass die Leute sterben. Du willst ihnen dabei noch zusehen. Als ob ihr Tod vergeudet wäre, wenn keine Kameras dabei wären. Der Iraker soll seine Augen verdrehen dabei, die Fleischfetzen sollen fliegen, sonst fühlst du dich betrogen.
Du hast doch gerade selbst gesagt, dass es dich stört, sagte Kutt, wenn sie dir nur die Fadenkreuze zeigen.
Blödsinn, sagte Kippen, Ich will gar nichts sehen vom Krieg, überhaupt nichts, verstehst du. Ich will, dass keiner sein Programm unterbricht, wenn der Krieg losgeht. Die sollen ihre Vierschanzentourneen und Schlagerfestivals und Darmkrebsmonate veranstalten, das können sie besser, das haben sie geübt. Die sollen gar nichts zeigen, keine Fadenkreuze, keine Flugzeugträger, keine Truppenbewegungen, keine Pressebriefings, keine Grünenabstimmungen und keine Bushreden. Du spinnst doch, sagte Kutt. Überhaupt nicht, sagte Kippen. Wenn sie gar nichts brächten, wäre das doch die perfekte Abbildung des Kriegs. Irgendwo da hinten unten werden Leute geschlachtet, und allen anderen da vorne oben, uns halt, ist es völlig egal, wir ignorieren das. Wir tun nicht einmal so, als würde uns das interessieren. Genauer kriegst du den Krieg gar nicht abgebildet, als wenn du ihn nicht einmal erwähnst.
Das geschieht sowieso schon die ganze Zeit, sagte Kutt, es gibt doch ein paar Dutzend Kriege auf der Welt, von denen man rein gar nichts erfährt, und wir glauben, wir sind im tiefsten Frieden. Ach was, die musst die auch nicht kennen, das Dutzend Kriege, wahrscheinlich sind es sogar noch mehr, ich würde das nicht ausschließen, dass es hundert sind, wenn man sich die alle merken wollte, käme man gar nicht mehr nach.
Dann hast du ja, was du willst, sagte Kutt. Gar nichts hab ich, sagte Kippen. Es genügt ja, dass sie einen einzigen Krieg in unsere Köpfe hineinprügeln, und es ist doch klar, dass sie sich da für den jeweils besten entscheiden. Ich will mir aber gar keinen Krieg in meinen Kopf hineinprügeln lassen. Das Gefühl, das ich dabei haben soll, es kommt mir immer vor, ich müsste gleich eine Habachtstellung annehmen, verstehst du, ich soll mich dann auch irgendwo still hinsetzen und denken, ob ich dafür oder dagegen bin, und mir den Kopf zerbrechen, ob die ihren Scheisskrieg jetzt führen, weil sie selber eine Scheissangst haben oder weil sie das Öl haben wollen oder die Weltherrschaft oder weil irgendeiner irgendeiner Wahl gewinnen muss und sonst nichts herzeigen kann außer so einen Krieg, und ich soll mir bis in den Schlaf hinein Sorgen darüber machen, was jetzt der deutsche Kanzler tun wird und mir die Nachrichten anschauen von irgendsoeinem dicklichen grünen Vorstandssprecher, und dann soll ich mich freuen, weil der deutsche Kanzler sich ein bißchen ziert, ehe er auch nicht mehr anders kann, als sich nicht mehr zu zieren, und dann frag ich mich immer, ob sie das alles nicht nur deswegen tun, damit wir uns alle jeden Tag daran erinnern, dass es diese Sachen alle gibt, das Öl und die Weltherrschaft und den Kanzler und den Präsidenten. Vielleicht wollen die sich nur in Erinnerung bringen, so wie du einem Kind jeden Morgen grundlos eine Ohrfeige gibst, rein präventiv. Und deswegen, verstehst du, will ich, dass sie diesmal gar nichts über den Krieg bringen. Wenn sie nichts bringen, dann verpufft das, dann kannst du endlich einmal wieder eine Woche über etwas anderes nachdenken als über den Kanzler und den Päsidenten und das Öl und die Weltherrschaft, und vielleicht, wieso denn nicht, könntest du gerade in der Woche auf eine Idee kommen. Aber sie werden das nicht zulassen. Wir sollen uns Sorgen machen, wir sollen immer an sie denken, wir sollen nicht auf die Idee kommen, dass man ohne sie auch leben könnte. Sag doch selber, wann war denn in deinem Leben der letzte Tag, an dem du nicht das Wort "Schröder" in deinem Kopf gehabt hast, und dann sag mir, was soll das denn bitte schön für ein Leben sein, in dem man ein Wort wie "Schröder" im Kopf haben muss. Also, ich bin für den Darmkrebsmonat. Im April ist der, glaube ich, oder im März, Darmkrebsmonat, der heißt so, kannst mir ruhig glauben.
Aber wenn keiner erfährt, wie schlimm es ist, sagte Kutt, dann wird doch keiner etwas dagegen tun.
Und wenn jeder erfährt, wie schlimm das alles ist, sagte Kippen, wird erst recht keiner etwas dagegen tun.
Kapp fühlte sich wohl mit den beiden, Freunde waren sie, Brüder, seit Jahren schon hätte er ihnen gerne gesagt, wie viel sie ihm bedeuteten, aber er hatte es nie geschafft, manchmal war er fast soweit, ihr wisst gar nicht, wie sehr ich euch liebe, ja liebe, die Wörter hatten schon Aufstellung genommen in seinem Mund, doch dann kam es ihm vor, als schickte es sich nicht, so etwas zu sagen.
sonntags stehen wir am fenster und freuen uns, dass man uns noch braucht
In diesem Winter fiel ihm zum ersten Mal auf, dass es mehr Vogelhäuser und Meisenringe als Vögel gab.
begleitmusik
Nach Feierabend fuhr sie in die Stadt, um sich einen Pullover zu kaufen, sie brauchte den Pullover nicht, aber sie wollte wieder einmal etwas Weiches in der Hand halten.
rätsel
R. musste die Hoffnungslosigkeit üben, sich wieder warm anziehen, wieder ohne Handy spazierengehen, an der Rudermaschine arbeiten, bis es ihr die Brust zerfetzte, das ging so nicht mehr weiter mit dem Unglücklichsein. Er war es nicht wert, dass sie sich so peinigte, er war auch nur so ein Halberwachsener, der sich nicht entscheiden konnte, ein Nichtfestleger, der bloß einen Notnagel in petto haben wollte für zwischendurch. Sie wusste das ja, immer lief es auf diese Mitleidsabende hinaus, wenn sie gerade nichts besseres vorhatten, und weil sie dann doch ein schlechtes Gewissen bekamen ihr gegenüber und nicht riskieren wollten, dass sie sich wirklich etwas antat, es war immer dasselbe und schon lange vorher absehbar, aber eben nicht lange genug, ganz zu Anfang wusste sie es eben noch nicht und schon gar nicht, ehe sie sich verliebte. Am Verlieben selbst war ja nichts auszusetzen, sonst hätte es gar keinen Sinn gehabt, sich auf einen Mann einzulassen, so lauwarme Geschichten, die ihr empfohlen wurden, hatte sie immer verachtet, da konnte sie gleich alleine bleiben, vielleicht war das ihr Verhängnis. Dabei hatte es diesmal so gut angefangen wie nie, sie hatte schon gedacht, das wäre es jetzt endlich, es sprach ja alles dafür, wie er kam und gar nicht notdürftig wirkte dabei, eher im Gegenteil, er war übervoll, warf mit Geschichten nach ihr, und lass uns das machen, lass uns dort hingehen, so wie er aussah, hätte er sowieso jede haben können, also, das sprach schon einmal dafür, dass ihm an ihr lag, an ihr höchstpersönlich, und nicht an der Behebung irgendeines männlichen Mangels. In Wahrheit hatte sie es damit sehr viel eiliger als er gehabt, es war schon fast peinlich gewesen, wie sie sich immer in Positur gesetzt hatte, die Spaghettiträger, die Anspielungen, diese Nächte, in denen es tatsächlich für ihn viel zu spät gewesen war für ihn, noch nach Wedel hinauszufahren, er hätte wirklich nur zugreifen müssen. Aber er ließ sich Zeit, um sie dann mit umso mehr Anlauf umzuschmeissen, wie in einem Grausamkeitsdrehbuch, dachte sie jetzt oft, dieses Gleiten, dieses Fließen, wie er abends immer ankam wie gerade frisch auf dem Planeten ausgesetzt, komm, ich koche für uns, ich habe Wein mitgebracht, komm, lass uns ins Kino, komm lass uns tanzen gehen, komm lass uns schnell zum Meer fahren, und nie Anstalten, sie auch nur beiläufig zu berühren, obwohl sie sich alle Mühe gab, der musste das doch kapieren, was sie da alles machte mit ihren Haaren, und sah der nicht, wie sie sich hinbeugte, damit er ihr in den Auschnitt sehen konnte, aber nein, er ließ sich Zeit dabei, schrieb lieber Briefe, sowieso schrieb er dauernd, Eilbote Express, dass ein einzelner Mann so viel schreiben konnte, sonst sagten die doch nie etwas. Und dann, nach geschlagenen sechs Monate, sagte er, sie hatte nie herausgefunden, warum gerade an diesem Tag, er würde jetzt bitte gerne mit ihr ins Bett, tatsächlich sagte er bitte, aber ja, sagte sie, ich dachte, du kämst nie mehr darauf, da war sie noch lächelnde Überlegenheit, machte sich vor, sie hätte noch irgendetwas in der Hinterhand. Vielleicht war ja das der Fehler gewesen, vermutlich, immer ist es davor schöner als hinterher, und wenn einer sich so lange ziert, das ist doch auch nicht normal, sie hatte sich selbst ja schon gefragt, ob mit ihm etwas nicht stimmte, immer bis an den Bettrand und dann doch wieder nicht, aber dann, als er sich endlich nicht mehr geziert hatte, ob ich das je wieder rauskriegen kann aus mir, lächerlich eigentlich, sie war ja schon über 30 und auf über zwei Dutzend Liebhaber kam sie ja auch , obwohl, so wie das mit ihm war, waren das alle nur Stümper, keine Liebhaber gewesen, Männer eben, und das war jetzt das Schwerste daran, wenn wenigstens das schlecht gewesen wäre, jetzt saß sie da und musste sich wieder zusammenklauben. Wann hatte das angefangen, dass er doch wieder nur ein Rätsel geworden war, dasselbe alte Rätsel, saß da so herum, schaute weg, wenn sie ihn anschaute, zog ihr die Hand weg im Kino, sagte, dass das so nicht mehr weitergehen könne, sagte, dass er auch nicht wisse wieso, sagte, dass es ihm ja auch leid täte, sagte, er könne nicht mehr, sagte, es hätte keinen Sinn, sagte, es hätte keinen Sinn, noch so zu tun, als liebte er sie noch, kam zwar noch vorbei, wenn sie sich am Telefon noch schlimmer als sonst anhörte, sagte, vielleicht hat es einfach nicht sein sollen, sagte, zu einem anderen Zeitpunkt hätte er sie womöglich sogar geheiratet, sagte, geh doch aus, triff dich doch mit anderen, sagte, er wisse doch auch nicht, sagte, ich weiß, dass du dich bemühst, aber du belauerst mich immer noch, merkst du das nicht, sagte, deine Liebe bringt mich noch um, sagte, wenn du so weitermachst, sollten wir uns besser gar nicht mehr sehen. Und sie jetzt, endlich aufhören damit, wieder hoffnungslos werden, noch eine Runde rudern, ja, soll wehtun, soll mich zerfetzen, es muss etwas geben, das noch mehr weh tut als er, so geht das nicht mehr weiter mit dem Unglücklichsein.
glänzend, blind vom schweiß
Diese Kunstsonnenröhre, die Flower Power hieß und vor und nach der Benutzung mit Desinfektionsmittel gereinigt werden sollte, damit dein Körper nicht über meinen komme, und in die ich mich legte, ängstlich, das Glas könnte unter mir zerbrechen und mir Splitter in die Hodensäcke treiben, diese Kunstsonnenröhre, in der ich mich fragte, ob in der Nebenkabine jemand wie ich lag, nichts besseres zu tun, als an einem Samstagnachmittag in einer Röhre zu liegen, die nicht einmal richtig heiß wurde, diese Kunstsonnenröhre, in der ich nichts anderes tat, als darauf zu warten, bis die zwölf Minuten vorbei waren, für die ich bezahlt hatte.
jetzt wohnst du immer noch da
Jetzt magst du immer noch keine Kinder in die Welt setzen. Jetzt rauchst du immer noch Samson. Jetzt glaubst du immer noch an die Zärtlichkeit der Völker. Jetzt hörst du dir immer noch Dub-Platten an. Jetzt schneidest du immer noch selbst die Haare. Jetzt trinkst du immer noch Dosenbier. Jetzt sagst du immer noch: die Scheißyuppies im Worldtradecenter, die haben es doch verdient. Jetzt bist du immer noch ein Typ, der in leeren Wohnungen herumsteht. Jetzt schläft immer noch keine öfter als dreimal mit dir. Jetzt hast du noch immer keinen Fernseher. Jetzt lässt du immer noch das Geschirr stehen. Jetzt hast du immer noch nichts von Microsoft. Jetzt glaubst du immer noch, dass Barolo ein guter Wein ist. Jetzt gehst du immer noch nicht zum Zahnarzt. Jetzt gibst du immer noch die Stütze für ein Piece aus. Jetzt hasst du immer noch die Milchkaffeearschlöcher. Jetzt unterschreibst du immer noch alles, was sie dir hinhalten. Jetzt bringst du immer noch deine Schmutzwäsche nach Hause. Jetzt bist du immer noch für den bewaffneten Kampf. Jetzt braucht dich die Revolution immer noch nicht.
mensch
Auf einmal ist man ewig in Räumen, in denen solche Plakate hängen. Die menschliche Muskulatur. Oder noch Schlimmeres. Lauter Defekte. Wenn man nicht selbst so defekt wäre, käme man in solche Räume gar nicht. Das wird jetzt so weitergehen. Immer mehr solcher Plakate. Und man guckt ein wenig auf ihnen herum, bis der Arzt kommt oder die Reha-Frau und schaut nach, wie das eigentlich dort heißt, wo es einem wehtut. Wahnsinn, wieviel es da gibt. Und wie das alles heißt. Man hat ja keine Ahnung. Man will überhaupt keine Ahnung haben. So ein Scheisskörper. Soll tun, was man ihm sagt und das Maul halten. Genügt doch. Der ganze Dreck da drinnen, unter der Haut. Man hat eh schon genug zu tun mit der ganzen Haut. Wo man die unterbringt und wie die ausschaut und dass man eine andere Haut findet. Und jetzt auf einmal soll ich mir merken, wie es da drinnen zugeht. Kann ich gut drauf verzichten.
jede nacht
Dass ihre Mutter tüdelig geworden ist, hat sie ihr lange übel genommen. Sie hat gedacht, dass das Absicht ist. Wenn sie ins Heim gekommen ist, hat die Mutter sie gefragt: Wer bist du denn? Und kaum war sie wieder zu Hause, hat die Mutter schon angerufen, warum sie sie denn nie besucht. Das hat lange gebraucht, bis sie verstanden hat, dass die doch nur tüdelig gewesen ist.
Jede Nacht träume ich von ihr. Kind, warum kommst du mich nie besuchen? Oder sie nimmt den Schlüssel und schmeisst ihn beim Fenster hinaus. Das kann sich keiner vorstellen, wie das ist. Als ob sie mich nicht loslassen will. Dabei kann ich sie nicht loslassen. Vor Weihnachten habe ich mit dem Akkordeonorchester im Heim gespielt. Die Leute, die noch gehen können, gehen in die Zimmer mit den Bettlägrigen und singen ihnen Weihnachtslieder vor. Und wir spielen dazu Akkordeon. Da hab ich mir Veronika geschnappt, die hat ja meine Mutter gepflegt, und ihr das erzählt. Dass ich jede Nacht träume von ihr. Das ist mir auch so gegangen, hat die Veronika gesagt in ihrem polnischen Akzent. Mit ihrem Vater, genau dieselbe Geschichte. Dann bin ich aber hin zum Grab von meinem Vater und habe ihn richtig angeschrien. Vater, ich verzeih dir alles. Alles, was du mir je angetan hast. Aber nicht, dass du immer noch kommst, obwohl du tot bist. Seitdem kommt er nicht mehr.
in diesem winter
In diesem Winter, in dem es zum ersten Mal seit vielen Jahren wieder geschneit hatte, stand ich manchmal am Fenster und ekelte mich vor mir, weil ich vollautomatisch immer noch Sätze dachte, in denen der Winter tröstlich alles zudeckte und der Schnee wie Watte lag, wie krank ist das denn, ekelte ich mich und wünschte mir, endlich schauen zu können, als hätte das alles keinen Ausdruck.
des vagues
Wenn ich mir heute einen Menschen ausgedacht hätte, wäre es eine Immobilienmaklerin gewesen. Sie hieß Danica Haller, haben Sie, fragte ich, ja, sagte sie, meine Mutter, aber ich bin in Rendsburg geboren. Im Sommer, sagte Danica Haller, ist es hier fast wie in Italien, die Leute sitzen in den Innenhöfen, es gibt Nachbarschaftsfeste, die Kinder können frei herumlaufen, Verkehr ist hier ja keiner. Schön, sagte ich und malte mir aus, mit Danica Haller zu schlafen, ich hatte noch mit einer Frau geschlafen, die graue Kostüme trug und Schuhe mit Goldschnallen. Ich stellte mir vor, dass sie sich ganz sachlich auszog, die Schuhe, den Rock, das Unterkleid, die Strumpfhose, ich war mir sicher, dass sie ein Unterkleid trug und beim Küssen nach Puder schmeckte. Nicht alle Appartements sind Eigentum, sagte Danica Haller, in der Anlage gibt es auch einen bestimmten Prozentsatz geförderter Wohnungen für Familien mit Kindern, ein gemischtes Modell also, ich finde das gut, es ist ein bisschen wie eine richtige kleine Stadt in der Stadt. Wir gingen hinauf in das letzte noch unverkaufte Appartement, 80 Quadratmeter, offene Küche, im Bad alle Schikanen, sogar Fußbodenheizung, Südterasse, Ostbalkon, eigentlich haben Sie hier den ganzen Tag Sonne, sagte Danica Haller, natürlich nur im Sommer. Schön, sagte ich, während wir ein wenig durch die Wohnung gingen, es gab nichts zu sehen, aber es hätte uns beide enttäuscht, wenn wir nicht ein wenig in der Wohnung herumgegangen wären, hier ist auch eine Datenleitung, sagte Danica Haller, und Steckdosen, na Sie sehen ja selbst, und ich weiß auch nicht, wie es kam, dass sie plötzlich weinte. Was ist los, fragte ich, geht es Ihnen nicht gut? Es tut mir leid, sagte Danica Haller, o Gott, wie peinlich, ist gleich vorbei. Später, als wir zu meinem Auto zurückgingen, fielen mir die Wellen in der Wiese auf, und ich sagte, seltsam, ich habe noch nie gesehen, dass jemand absichtlich eine Wiese mit Wellen drin anlegt, das sind ja richtige Hügel, wer denkt sich denn so was aus. Ich weiß es auch nicht, sagte Danica Haller, stimmt, jetzt, wo Sie es sagen, fällt es mir auch auf, und ich sagte: Wahrscheinlich wollten sie verhindern, dass man hier Fußball spielen kann. Einen Augenblick lang war mir, als verachtete sie mich dafür, dass ich mich in der Niedertracht auszukennen schien, es kann aber sein, dass ich mich getäuscht habe.
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